VER
zum Bewusstsein zu bringen mit den Mitteln seiner Kunst,
die nur ihr gegeben sind. Dann versetzt er gleichgestimmte
Saiten in Mitschwingung. Dann wirkt er nicht mehr störend,
einengend, sondern befreiend. Gebundene Töne werden
ausgelöst. Das ist der letzte Sinn der Kunst. Eine solche
Illustration ist also auch künstlerisch vollkommen gerechtfertigt.
Sie hat den weitesten Spielraum auf dem
Gebiete der Symbolik, der Arabeske, der Vignette. Sie
bildet gleichsam ein Rankenornament, eine Zier und doch
zugleich eine sinnige, tiefe Allegorie in Linien und Farben,
welche das eigentliche Werk umhüllt und es gegen seine
Umgebung abschliesst. Der Künstler, der seine Aufgabe
in diesem Sinne erfasst, wird sein Augenmerk in erster
Linie auf die decorative Ausschmückung als ein Ganzes
richten, auf Kopfleisten, Randzier und Schlusstücke, auf
Initialen und Majuskeln, welche dem Druck in Charakter
und Typus angepasst sein müssen. Der buchschmückende
Künstler folgt dem Dichter wie mit Harfenbegleitung zum
Gesang. Er kann den einleitenden Dreiklang in Dur oder
Moll mit einer richtig gewählten Kopfleiste anschlagen;
begleitet ihn dann gefällig umschmeichelnd, hebend und
webend im arabeskenartigen Auf und Nieder der Gefühlsscala,
zu Zeiten voller eingreifend, zu Zeiten auch
wohl ganz aussetzend, um endlich im vollen, klaren
Schlussaccord oder im leisen Unisono fragend, sehnsüchtig
auszuklingen. Das ist das Wesen der Buchillustration im
modernen Sinne. Besser gesagt: im künstlerischen Sinne
überhaupt.
D ass im textlichen — wie früher der gute alte Holzschnitt
— die dem Schriftsatz wesensverwandte Linienkunst
in erster Reihe in Betracht kommt, erklärt sich aus
der Natur der Sache von selbst, wo es sich vor allem um
ein harmonisches Gesammtbild der Druckseiten handelt;
doch darf ein echter Künstler diese Schranke auch wohl
mit sicherem Takt bis zu einem gewissen Grade durchbrechen.
Durch das breite Flächenornament lassen sich zweifelsohne
sehr glückliche und kräftige Wirkungen erzielen.
Es ist daher auch mit Freude zu begrüssen, dass die Neigung
zur geschmackvollen Verwertung natürlicher oder
stilisierter pflanzlicher Motive neuerdings wieder aufkommt
und mit einer besseren Erkenntnis der Bedeutung
des Druckornaments Hand in Hand geht. Junge deutsche
Künstler haben in letzter Zeit eine Reihe von gut gezeichneten
und richtig verstandenen Flachornamenten entworfen
und deutsche Schriftgiessereien, namentlich Berliner
und Leipziger Anstalten, haben für Vervielfältigung
Sorge getragen. Wenn auch manches noch nicht ausgereift
ist, hier und da sich eine gewisse conventionelle Abhängigkeit
von Äusserlichkeiten zeigt, so sind doch die Ansätze
sehr entwickelungsfähig. Auch die FARBEN reden
wieder ihre eigene Sprache im modernen Buchschmuck.
Die junge Kunst mit ihrer neuerwachten Farbenfreude und
ihrem unendlich verfeinerten Gefühl für Farbensymbolik
greift wieder belebend und befruchtend ein; denn wir sind
des stimmungslosen Grau in Grau müde geworden und
sehnen uns wieder nach Licht und Farbe, auch im Buchdruck.
In wenigen Jahren darf man Gutes erwarten. Was
im Ausland — in England, Frankreich und Belgien
möglich ist, das wird man auch in Deutschland und Österreich
fertig bringen. Bei uns bedarf es nur etwas mehr
Zeit und Sammlung, damit all die verstreuten Elemente,
die gewiss eine Fülle von Talent bergen, sich erst einmal
zusammenfinden und einheitlich Vorgehen können.
Aber es genügt nicht, bloss hierüber zu schreiben und
zu reden. Wir brauchen die thätige Mitwirkung des gebildeten
Mittelstandes, der nicht nur Bücher kauft, sondern
sie auch lesen und Freude an ihnen haben will;
Menschen, welche es nicht dulden können, dass in einem
vielleicht ganz geschmackvollen Bücherschrank unschöne
und unpraktische Bücher stehen mit geistlosen Illustrationen
und hässlichen Einbänden.
Wir müssen in allen derartigen Fragen vom künsuertschen
Standpunkt ausgehen, aber dabei an das ästhetische
Bedürfnis anknüpfen, welches sich entschieden wieder zu
regen beginnt in weiteren Kreisen. Diese frischen Keime
und Triebe zu ermuntern und den natürlichen Schönheitsdrang
durch neue Anregung und greifbare Beispiele zu
fördern, wird unsere nächste und dankbarste Aufgabe sein.
WILHELM SCH.