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MAK

Full text : Jahrgang 1 (1898) (Heft 9)

VER

zum  Bewusstsein  zu  bringen  mit  den  Mitteln  seiner  Kunst,
die  nur  ihr  gegeben  sind.  Dann  versetzt  er  gleichgestimmte
Saiten  in  Mitschwingung.  Dann  wirkt  er  nicht  mehr  störend, ­
  einengend,  sondern  befreiend.  Gebundene  Töne  werden ­
  ausgelöst.  Das  ist  der  letzte  Sinn  der  Kunst.  Eine  solche ­
  Illustration  ist  also  auch  künstlerisch  vollkommen  gerechtfertigt. ­
  Sie  hat  den  weitesten  Spielraum  auf  dem
Gebiete  der  Symbolik,  der  Arabeske,  der  Vignette.  Sie
bildet  gleichsam  ein  Rankenornament,  eine  Zier  und  doch
zugleich  eine  sinnige,  tiefe  Allegorie  in  Linien  und  Farben,
welche  das  eigentliche  Werk  umhüllt  und  es  gegen  seine
Umgebung  abschliesst.  Der  Künstler,  der  seine  Aufgabe
in  diesem  Sinne  erfasst,  wird  sein  Augenmerk  in  erster
Linie  auf  die  decorative  Ausschmückung  als  ein  Ganzes
richten,  auf  Kopfleisten,  Randzier  und  Schlusstücke,  auf
Initialen  und  Majuskeln,  welche  dem  Druck  in  Charakter
und  Typus  angepasst  sein  müssen.  Der  buchschmückende
Künstler  folgt  dem  Dichter  wie  mit  Harfenbegleitung  zum
Gesang.  Er  kann  den  einleitenden  Dreiklang  in  Dur  oder
Moll  mit  einer  richtig  gewählten  Kopfleiste  anschlagen;
begleitet  ihn  dann  gefällig  umschmeichelnd,  hebend  und
webend  im  arabeskenartigen  Auf  und  Nieder  der  Gefühlsscala, ­
  zu  Zeiten  voller  eingreifend,  zu  Zeiten  auch
wohl  ganz  aussetzend,  um  endlich  im  vollen,  klaren
Schlussaccord  oder  im  leisen  Unisono  fragend,  sehnsüchtig
auszuklingen.  Das  ist  das  Wesen  der  Buchillustration  im
modernen  Sinne.  Besser  gesagt:  im  künstlerischen  Sinne
überhaupt.
D  ass  im  textlichen  —  wie  früher  der  gute  alte  Holzschnitt ­
  —  die  dem  Schriftsatz  wesensverwandte  Linienkunst ­
  in  erster  Reihe  in  Betracht  kommt,  erklärt  sich  aus
der  Natur  der  Sache  von  selbst,  wo  es  sich  vor  allem  um
ein  harmonisches  Gesammtbild  der  Druckseiten  handelt;
doch  darf  ein  echter  Künstler  diese  Schranke  auch  wohl
mit  sicherem  Takt  bis  zu  einem  gewissen  Grade  durchbrechen. ­
  Durch  das  breite  Flächenornament  lassen  sich  zweifelsohne
  sehr  glückliche  und  kräftige  Wirkungen  erzielen.
Es  ist  daher  auch  mit  Freude  zu  begrüssen,  dass  die  Neigung ­
  zur  geschmackvollen  Verwertung  natürlicher  oder
stilisierter  pflanzlicher  Motive  neuerdings  wieder  aufkommt ­

  und  mit  einer  besseren  Erkenntnis  der  Bedeutung
des  Druckornaments  Hand  in  Hand  geht.  Junge  deutsche
Künstler  haben  in  letzter  Zeit  eine  Reihe  von  gut  gezeichneten ­
  und  richtig  verstandenen  Flachornamenten  entworfen ­
  und  deutsche  Schriftgiessereien,  namentlich  Berliner ­
  und  Leipziger  Anstalten,  haben  für  Vervielfältigung
Sorge  getragen.  Wenn  auch  manches  noch  nicht  ausgereift ­
  ist,  hier  und  da  sich  eine  gewisse  conventionelle  Abhängigkeit ­
  von  Äusserlichkeiten  zeigt,  so  sind  doch  die  Ansätze ­
  sehr  entwickelungsfähig.  Auch  die  FARBEN  reden
wieder  ihre  eigene  Sprache  im  modernen  Buchschmuck.
Die  junge  Kunst  mit  ihrer  neuerwachten  Farbenfreude  und
ihrem  unendlich  verfeinerten  Gefühl  für  Farbensymbolik
greift  wieder  belebend  und  befruchtend  ein;  denn  wir  sind
des  stimmungslosen  Grau  in  Grau  müde  geworden  und
sehnen  uns  wieder  nach  Licht  und  Farbe,  auch  im  Buchdruck. ­

In  wenigen  Jahren  darf  man  Gutes  erwarten.  Was
im  Ausland  —  in  England,  Frankreich  und  Belgien
möglich  ist,  das  wird  man  auch  in  Deutschland  und  Österreich ­
  fertig  bringen.  Bei  uns  bedarf  es  nur  etwas  mehr
Zeit  und  Sammlung,  damit  all  die  verstreuten  Elemente,
die  gewiss  eine  Fülle  von  Talent  bergen,  sich  erst  einmal
zusammenfinden  und  einheitlich  Vorgehen  können.
Aber  es  genügt  nicht,  bloss  hierüber  zu  schreiben  und
zu  reden.  Wir  brauchen  die  thätige  Mitwirkung  des  gebildeten ­
  Mittelstandes,  der  nicht  nur  Bücher  kauft,  sondern ­
  sie  auch  lesen  und  Freude  an  ihnen  haben  will;
Menschen,  welche  es  nicht  dulden  können,  dass  in  einem
vielleicht  ganz  geschmackvollen  Bücherschrank  unschöne
und  unpraktische  Bücher  stehen  mit  geistlosen  Illustrationen ­
  und  hässlichen  Einbänden.
Wir  müssen  in  allen  derartigen  Fragen  vom  künsuertschen
  Standpunkt  ausgehen,  aber  dabei  an  das  ästhetische
Bedürfnis  anknüpfen,  welches  sich  entschieden  wieder  zu
regen  beginnt  in  weiteren  Kreisen.  Diese  frischen  Keime
und  Triebe  zu  ermuntern  und  den  natürlichen  Schönheitsdrang ­
  durch  neue  Anregung  und  greifbare  Beispiele  zu
fördern,  wird  unsere  nächste  und  dankbarste  Aufgabe  sein.
WILHELM  SCH.
            
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