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MAK

Full text : Jahrgang 2 (1899) (Heft 1)

der  unheilvolle  Glaube  an  das  „Wissen",
dass  man  die  ganze  Welt  wissen  kann,
also  auch  die  Kunst.  (Man  redet  ja  von
Kunstwissen,  Kunstkennen  u.  s.  w.)
Sie  fangen  in  ängstlicher  Hast  an
zu  lesen,  zu  horchen  auf  Worte  und
Manieren.  Aber  Geschriebenes  und  Gesprochenes ­
  über  zeitliche  Kunst  rührt
zum  grössten  Theil  von  Künstlern  selbst
oder  berufsmässigen  Kritikern  her,  und
bei  beiden  ist  der  Suchende  verrathen.
Die  Worte  der  Künstler  fallen  ihm  in
die  Seele  wie  Steine.  Und  die  berufsmässigen ­
  Kunstrichter  sind  in  Wirklichkeit ­
  ebenso  rathlos  wie  er,  nur  müssen
sie  von  den  Zeilen  leben  und  machen
aus  ihrer  Rathlosigkeit  eine  Blasirtheit,
in  der  sie  die  nöthige  Nonchalance  zum
Ablehnen  und  Geltenlassen  gewinnen.
Echte  Sehnsucht  zur  Kunst  wird  so
missleitet  zur  Blasirtheit.  Und  diese
Blasirtheit  dehnt  sich  allmälig  wie  ein
weites  Gras-  und  Heufeld  rund  um  die
Gärten  der  Kunst.  Nicht  mancher
kommt  noch  zu  ihren  Eingängen.  Er
sieht  das  Lächeln  rings  auf  den  spöttischen ­
  Lippen,  lächelt  auch  und  ist  für
die  Kunst  verloren.
Es  ist  ein  schlechtes  Zeichen,  dieses
ewige  Schielen  nach  anderen,  diese
Furcht,  sich  zu  blamiren.  Die  furchtbar ­
  überlegenen  Gesichter  in  Gemäldesalons ­
  und  Concertsälen,  weil  jeder  bei
keinem  Wort  der  Begeisterung  sicher
ist,  ob  er  nicht  an  Falsches  geräth  und
sich  blamirt.  Es  zeigen  sich  auch  da
die  verderblichen  Folgen  unserer  Erziehung, ­
  die  mit  allgemeinen  Zielen  und
Idealen  hantirt  und  die  Menschen  nicht
auf  sich  gründet,  den  Einzelnen  aus

sich  entwickelt  und  so  den  Menschen
zugleich  sich  selbst  und  auch  der  Welt
entfremdet.  Der  so  „Gebildete"  hängt
sich  gleichsam  nach  aussen  an  die  Dinge,
statt  sie  an  sich  aufzuhängen.
*
Ich  habe  von  jeher  die  Menschen
gern  gehabt,  die  den  Muth  zur  Dummheit ­
  hatten,  den  Muth,  sich  trotz  allgemeinsten ­
  Gelächters  einmal  gründlich
zu  blamiren,  weil  er  nichts  anderes  ist  als
der  Muth  zu  sich  selbst,  der  Mufh  zum
Schlüssel  aller  Dinge,  dem  EIGENEN
GEFÜHL.
Das  eigene  Gefühl  ist  auch  der  einzige ­
  Weg  zur  Kunst,  der  einzige,  der
aus  ihrem  Wesen  möglich  ist.  Sie  wird
aus  dem  Gefühl  geschaffen  und  muss
ins  Gefühl  wirken.  Wie  wir  Kunstwerke ­
  bei  den  kindlichsten  Völkern
finden,  so  auch  Freude  an  künstlerischen ­
  Darstellungen  bei  den  einfachsten
Menschen.  Wenn  wir  uns  dazu  vergegenwärtigen, ­
  dass  Freudemachen  —
den  Begriff  im  weitesten  Sinne  genommen ­
  —  der  höchste  und  eigentlichste ­
  Werth  der  Kunst  ist,  liegt  der
Weg  klar,  auf  den  wir  die  Pseudoblasirten
  bringen  müssen,  damit  sie
selbst  zur  Kunst  weiter  finden.
Wir  müssen  sie  zum  ersten  auf  ihr
eigenes  Gefühl  verweisen.  Wo  das  an
irgend  einer  künstlerischen  Leistung
seine  Freude  hat,  ist  seine  Kunst.  Wenn
sie  sich  darauf  verlassen,  unbekümmert
um  die  guten  Lehren  der  anderen,  werden ­
  sie  von  selbst  zu  weiterem  Genuss
und  zu  einer  Auswahl  kommen.  Wir
thun  ja  auch  nichts  daran,  irgend  einem
            
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