Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Jahrgang 2 (1899) (Heft 1)

seine  Lieblingsmahlzeit  zu  entdecken,
die  findet  jeder  selbst  beim  Essen.
Wir  müssen  sie  zum  zweiten  von  der
unglückseligen  Meinung  abbringen,  als
richte  sich  die  Güte  des  Gefühles  nach
dem  Ziel,  als  sei  es  eine  Ehrenpflicht,
sich  —  sagen  wir  an  Böckhlin  zu  freuen,
und  eine  Schande,  sich  für  Schirmer
zu  begeistern.  Dergleichen  wird  noch
immerzu  gepredigt.  Es  ist  eine  falsche
Predigt,  und  sie  hat  viel  Unheil  angerichtet. ­
  Auf  die  STARKE  des  Gefühles
kommt  es  an.  Wir  schätzen  den  liebevollen ­
  Esser  nicht  höher,  ob  er  Fleischspeisen ­
  oder  Gemüse  bevorzugt.  Wir
wissen,  dass  der  Geschmack,  den  wir
an  essbaren  Dingen  haben,  nicht  einmal
allein  von  der  Feinheit  der  Zunge  abhängt, ­
  sondern  durch  gewisse  Magenund
  Körperzustände  bedingt  ist.  Die  Beschaffenheit ­
  der  Seele  bestimmt  den  Geschmack. ­
  Wie  wir  jedem  seine  Seele
lassen  müssen,  wollen  wir  ihm  auch
seine  Freude  lassen.  Wer  die  MEISTE
Freude  hat,  ist  der  Werthvollste  für  die
Kunst.
*
Hell  und  froh  würde  die  Kunst  wirken, ­
  wenn  alle,  die  zu  ihr  kämen,  ihrem
eigenen  Gefühl  horchten  und  sich  darin
freuten.  Es  wäre  endlich  reiner  Genuss
und  deshalb  Heiligung,  wo  jetzt  Mühe
und  Arbeit  ist.  Nur  so  können  Volk
und  Kunst  sich  finden,  dass  jeder  weiss,
WIE  SEIN  GEFÜHL  IMMER  RECHT
HAT.
Wie  jede  Zunge  ihr  Lieblingsgericht,
wird  jedes  Gefühl  seinen  Lieblingskünstler ­
  finden,  und  wenn  es  sich  an
dem  einen  zum  Enthusiasmus  entflammt,

ist  das  ein  idealer  Zustand  für  Schaffende ­
  und  Geniessende.  Der  Künstler
glaubt  im  Grunde  nicht,  dass  ein  Bewunderer ­
  ihn  voll  erfassen  kann,  wie
soll  er  zugeben,  dass  ein  Durchschnittsmensch ­
  einige  Dutzend  seines  Gleichen
aufrichtig  zu  gemessen  fähig  ist.  Und
der  Bewunderer  horcht  sicher  tiefer  in
die  Welt,  wenn  er  einem  Deuter  von
Herzen  lauscht,  statt  sich  von  einem
Haufen  Stimmen  verwirren  zu  lassen.
Ein  Künstler  kann  über  sich  hinaus
schaffen  und  die  weitesten  Kreise  bewegen: ­
  GELIEBT  wird  er  nur  von
denen,  die  seinem  Wesen  ähnlich  sind.
Und  die  Liebe  zu  sich  um  seiner  Kunst
willen  ist  das  Höchste,  was  ihm  gegeben ­
  werden  kann.
Aus  dem  Enthusiasmus  für  einen
Künstler  wird  sich  das  von  selbst  ergeben, ­
  was  wir  von  der  Kunst  ganz
besonders  gern  erhoffen:  das  Bildende.
Wer  sich  in  die  Tiefen  einer  einzelnen
Künstlerseele  hineinfreut,  kommt  tiefer
in  die  Kunst  und  die  Welt.  Jeder
Künstler  schafft  über  sich  hinaus  und
ist  ein  Wegweiser  über  sich  hinaus.  Wo
ein  Gefühl  in  einem  andern  Künstler
die  Fortsetzung  sieht,  verlässt  es  den
ersten.  So  verzweigen  sich  die  Wege,
so  wird  aus  der  Begeisterung  für  einen
Künstler  ein  wahrhaftiger  KUNSTENTHUSIASMUS. ­

So  lang  die  Kette  ist,  die  von  dem
letzten  zum  ersten  zurückläuft,  das  Gefühl ­
  wird  gern  in  Rührung  an  die  einzelnen ­
  denken,  die  ihm  einmal  alles
gaben.  Wie  an  die  Gerichte  der  Mutter,
die  so  herrlich  sind  in  der  Erinnerung.
WILHELM  SCHÄFER.

©
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.