Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Jahrgang 2 (1899) (Heft 1)

glaubt  nicht,  dass  die  Tugend  belohnt
wird  und  das  Laster  bestraft.  Er  glaubt
viel  eher  an  die  gezüchtigte  Tugend.
Und  er  will  es  so.  Er  würde  eine
Tugend  verachten,  die  etwas  um  des
Lohnes  Willen  thäte.  Die  Tugend  hat
ihren  Lohn  in  sich.  Sie  weiss  sich  in
Übereinstimmung  mit  den  Gesetzen  des
Lebens.  Und  sie  fühlt  sich  in  dieser
Übereinstimmung  glücklich.  Nur  die
Tugend  ist  Glück.  Nur  die  wohlwollenden ­
  Gefühle  sind  Glück.  Nur  Lieben
und  Bewundern  ist  Glück.  Und  dem
Weisen  wird  alles  zum  Gegenstand  der
Liebe  und  Bewundernng.  Er  ist  für
alles  dankbar,  was  er  empfängt.  Er
bringt  jedes  böse  und  gute  Ereignäss
zum  Blühen;  ihm  reifen  überall  süsse
Früchte.  Was  ihm  begegnet,  wird  ihm
ein  inneres  Erlebnis;  mehrt  seineinneren
Schätze.  Und  dieser  innere  Reichthum
ist  Glück.  Also  ist  der  Weise  glücklich. ­
  Da  nur  der  innerlich  REICHE
glücklich,  so  ist  Maeterlinck^  Weiser
kein  Entsagender.  Im  Gegentheil.  Der
Weise  muss  alles  erfahren  haben.  Wohl
lässt  sich  auch  im  engsten  Kreise  Grosses
erleben.  Denn  nur  die  Seele  erlebt.
Allein  die  Erfahrung  corrigirt.  Und
dann  übt  die  Mannigfaltigkeit  des  Lebens, ­
  die  Mannigfaltigkeit  der  Kräfte.
Sie  lehrt  uns  geschickt  handeln.  Und
geschickt  handeln  ist  so  viel  wie  richtig
denken.  Es  heisst  schnell  denken,  mit
dem  ganzen  Wesen  denken.  Es  weckt
in  uns  neue  Energien,  es  bereichert  uns.
Je  wechselvoller  unser  Dasein,  um  so
mehr  umspannt  unsere  Weisheit.  Und
der  Weise  muss  inmitten  aller  menschlichen ­
  Leidenschaften  leben;  die  Leidenschaften ­

  des  Herzens  sind  die  beste  Nahrung ­
  der  Weisheit.  Alles,  was  das
grosse  Gefühl  des  Lebens  vermehrt,
alles,  was  Leben  ist,  muss  der  Weise  in
sein  inneres  Gebiet  hinüberziehen.  Alles
muss  er  meiden,  was  in  ihm  das  Leben
entmuthigt.  „Denn  vergessen  wir  niemals: ­
  was  auch  unsere  Mission  auf
dieser  Erde  sein  mag,  was  auch  der
Zweck  unserer  Anstrengungen  und
unserer  Hoffnungen,  das  Resultat  unserer ­
  Leiden  und  unserer  Freuden,  wir
sind  vor  Allem  die  blinden  Bewahrer
des  Lebens.  Das  ist  die  einzig  absolut
sichere  Sache,  das  ist  der  einzige  feste
Punkt  in  der  menschlichen  Moral.  Man
hat  uns  das  Dasein  gegeben,  wir  wissen
nicht  warum;  doch  es  scheint  evident,
dass  es  nicht  geschah,  um  es  zu  schwächen ­
  oder  zu  verlieren.  Wir  repräsentiren
  sogar  eine  ganz  besondere  Form
des  Lebens  auf  diesem  Planeten:  das
Leben  des  Gedankens,  das  Leben  der
Gefühle  und  darum  ist  alles,  was  geeignet ­
  ist,  die  Energie  des  Denkens
und  die  Energie  des  Fühlens  zu  vermindern, ­
  wahrscheinlich  unmoralisch."
Doch  zu  den  Entmutigungen,  die  der
Weise  fürchtet,  gehört  nicht  die  Entmuthigung
  einer  traurigen  Wahrheit.
Eine  entmuthigende  Wahrheit  ist  besser
als  eine  schöne  Lüge,  die  ermuthigt.
Eine  Wahrheit  wird  die  Entmuthigung
stets  überdauern;  der  Muth  wird  einer
Lüge  aber  in  Bälde  versagen.  Keine
Wahrheit  darf  uns  auf  die  Dauer  betrüben. ­
  „Alles,  was  in  der  Welt  ist,
muss  für  uns  gut  sein,  da  wir  selbst
eine  Frucht  dieser  Welt  sind.  Ein  Gesetz ­
  des  Weltalls,  das  uns  grausam
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.