äussere Linien des Körpers ging, gab es andere,
bei denen ihn nur die Verkürzung, das Schwinden
und Verklingen eines Contours im Raum beschäf
tigte, lose überzarte Federzüge, in der Unbestimmt
heit der Körper fast an die Figuren chinesischer
Holzschnitte mahnend; aber doch welche Sicher
heit verlangt es, in diesen halbirrenden Contouren
die Bewegungen und Überschneidungen jedesmal so
lebhaft zu-treffen. Seine Modelle freilich müssen
wenig zu beneiden sein. Er geht dem Körper nach
bis in Stellungen, die man nur am Cadaver stu
dieren kann, oder wie der weiche Kinderkörper
der ersten Jahre sie hergiebt; selbst eine Stellung!
den Kopf unter dem Knie durch hat er, man
weiss nicht, ob studiert aber glaubhaft gezeichnet.
So genau kennt er den menschlichen Körper in
seinem animalischen Leben, dass die Geberde leiden
schaftlicher Gestalten bei ihm oft an die bekannten,
ergreifenden Abgüsse der verschütteten Pompejaner
erinnerte. Und hier gilt ihm, der sonst schon im
Kopf allein den ganzen Menschen zu fassen ver
mag, der Kopf nur als Echo des ganzen Körpers.
Es giebt nichts zwischen Leidenschaft und leiser
Regung, das er nicht schon im Körper auszudrücken
wüsste. Mit Recht hat man zu seinem Lobe ge
meint, jedes Fragment einer Statue würde die Stim
mung des Ganzen klar erkennen lassen. Man kann
darauf an seinen, nur theilweise vollendeten Studien
die Probe machen. Im Kopf eines Schreienden
erräth man den Gestus des wilden Laufs in der
Hand Gottes die allgütige mühelos schaffende Ge
stalt. Seine Eva genügt, vom Rücken zu sehn,
der unausgeführt gelassene Kopf konnte nicht mehr
Selbstqual und Scham ausdrücken, als diese Ge
stalt, die am liebsten in sich verschwände. — Wun
derbar sind in einer kleinen Studie auch als Com-
position vollkommen drei Gestalten zusammenge
dacht: Ein junges Weib ist auf den Knien des
Mannes an seiner Brust entschlummert, ein anderer
legt, selbst erschüttert, den Arm um den ersten:
Aikestis heisst die Gruppe, sie könnte auch Lu-
cretia bedeuten, oder sonst einen grossen Schmerz,
der zur Ruhe kam.
Wie absichtslos bauen sich ihm leidenschaftlich
bewegte Körper in klaren Gruppen zusammen, mit
harmonischem und stimmungsvollem Contour, die
kühnste wohl eine Nymphe, auf den Schultern
eines Satyrs balancierend; sie lenkt seinen wilden
Lauf mit Schenkeldruck, und so frei und organisch
dabei sind diese Fabelwesen bewegt als hätte er
sie erlebt. Und wie wird erst die Natur lebendig
in jenen Oreaden, die halb neugierig, halb mitfühlend
von ihrem Felsen auf den toten Dichter sich herab
neigen,'ein Zug so tiefer heiliger Naturempfindung,
wie er bei einem Romanen überrascht.
Jede einzelne Phase der geistigen Existenz ver
körpert er für das Denkmal Victor Hugo's im
Pantheon: „Nackt wie ein Gott" thront der Dich
ter, umgeben von seinen inneren Eingebungen,
seltsam bewegten Frauengestalten, denen man Un
recht thut, sie einzeln auszustellen, weil sie nur
als Theile einem Ganzen dienen. Der Dichter des
Hernani pathetisch gross, wie es ihm zukommt, aber
für uns etwas zu gallisch, der Kopf freilich ent
wickelt aus einer Reihe der herrlichsten Studien,
zwei davon mit der kalten Nadel aus dem Pan
und der Gazette des Beaux-Arts bekannt, in ihrer
Charakteristik wahrhaft monumental.
Die Weltausstellung wird umfangreiche Arbeiten
von Rodin bringen, vor allem die Thür für das Mu
seum der decorativen Künste, die ihn seit 15 Jahren
beschäftigt, hohe Reliefs aus dem Inferno. Was
an Skizzen davon bisher in die Oeffentlichkeit kam,
— auch hier war eine Gruppe ausgestellt — zeigt
ihn in den Spuren des gestaltungsreichsten Dich
ters als selbständigen Dichter, in einer Ueberfülle
der tiefsten poetischen und künstlerischen Gedanken.
Wie vom Geschlecht Dante's muthen auch seine
Gefangenen von Calais an: eine kleine Schaar wallt
schleppend, von ihrem Schicksal getrieben, die Strasse
dahin; seltsam in jeder dieser hagern, nur auf grosse
Geberde gearbeiteten Gestalten ein anderer Cha
rakter, und doch die Gruppe., aus einer Stimmung,
dem Entschluss zum letzten Äussersten bewegt! ein
Zug von Verdammten sein, Männerim Leben ver
streut, nun von einem Geschick zusammen ge
koppelt, wie der Florentiner sie geschaut haben
könnte.
Und diesem Meister, dem Qualen und Stürme
des Inferno gelingen, sind auch die „dolci pensieri”
der Oberwelt nicht fremd. Ein Thema beschäftigt
ihn vor allem „der Kuss”. Die weiche Marmor
gruppe im Salon 1898 war nur eine der vielen
Lösungen seiner nicht zu ermüdenden Phantasie für
dies Sujet, das im Laokoon wenn nicht als niedriges
Genre, doch als transitorisch dem undarstellbaren
zugerechnet würde; aber der alte Goethe hätte
gewiss seine Freude daran, wie hier ein Künstler
zum Ziele kam ohne „Traum” oder „Schatten
bild”, die er selbst ermuthigend vorschlug. Daphnis