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MAK

Full text : Jahrgang 2 (1899) (Heft 11)

Häufig  tritt  in  seinen  Erzählungen  eine  Person
auf,  die  durch  groteske  Eigentümlichkeit  der
äusseren  Erscheinung  und  des  Betragens  beinahe
widerwärtig  auffällt.  Ein  skurriles  Lächeln,  eine
kreischende  Stimme,  ein  stechendes  Auge,  ein
Gehen  in  seltsamen  Bocksprüngen  sind  ihre  unerfreulichen ­
  Kennzeichen.  So  der  wahnsinnige,
diabolisch  höhnende  Rath  Krespel,  der  kleine
Obergerichtsrath  Drosselmeier,  der  statt  des  rechten ­
  Auges  ein  grosses  schwarzes  Pflaster  und  statt
der  Haare  eine  schöne  weisse  Glasperücke  trug,
der  Profossor  in  der  Automate  mit  der  unangenehm
dissonierenden  hohen  Stimme,  der  Spieluhren  und
musikalisch-mechanische  Figuren  verfertigt,  der
hagere  Archivarius  Lindhorst  mit  den  grossen
starren  Augen,  die  „aus  den  knöchernen  Höhlen
des  mageren,  runzlichten  Gesichtes  wie  aus  einem
Gehäuse  hervorstrahlten”,  den  die  Schösse  des
Ueberrocks,  wenn  der  "Wind  hineinfährt,  wie  ein
Paar  grosse  Flügel  umflattern.  Plötzlich,  zuweilen, ­
  verändert  sich  die  bizarre  Erscheinung,  die
Verzerrung  glättet  sich  in  sanfte  Erhabenheit  und
durch  die  komisch  hässliche  Maske  scheinen  ehrfurchtgebietende ­
  Mienen.  Dann  verwandelt  sich
der  weite  damastene  Schlafrock  des  Archivarius
in  einen  Königsmantel,  ein  goldnes  Diadem  schlingt
sich  durch  seine  weissen  Locken  und  von  seinen
anmuthigen  Lippen  strömt  anstatt  der  kuriosen,  unverständlichen ­
  Redensarten  gemüthvolle  Weisheit.
Dann  tritt  auf  das  Antlitz  des  Professors  statt  des
abschreckenden  sarkastischen  Lächelns  ein  tiefer
melancholischer  Ernst,  die  grauen  stechenden
Augen  blicken  in  seliger  Verklärung  himmelwärts
und  während  ihn  sonst  das  geistlose  taktmässige
Geklingel  seiner  Maschinen  umgab,  strömt  jetzt,
wo  er  geht  wunderbare  Musik  aus  Büschen  und
Bäumen  und  erfüllt  die  Seele  mit  himmlischen
Ahnungen.  Dass  der  Obergerichtsrath  Drosselmeier ­
  eigentlich  ein  guter  Wundermann  ist,  der
alles  weiss,  fühlen  die  Kinder,  und  auch  den
Rath  Krespel  schauen  sie  freundlich  und  ehrfürchtig ­
  zugleich  an.  In  diesen  Männern  malte
sich  Hoffmann  selbst  ab,  der  mit  seiner  kleinen
behenden  Gestalt,  den  feinen,  zusammengepressten
Lippen,  um  die  ein  ironisches  Lächeln  schwebte,
den  grossen  spähenden  Augen  unter  mephistophelischen ­
  Brauen  und  dem  grotesken  Ziegenbocksprofil ­
  wie  ein  Hexenmeister  oder  Zaubermännchen
erschien  und  auf  Fremde  zunächst  abstossend
wirkte;  der  aber,  wenn  er  in  seinen  Träumen  von

der  Aussenwelt  Abstand  nahm,  sich  anders  fühlte
und  schaute,  gut,  sanft  und  weise,  wie  er  gewesen
sein  mochte,  als  er,  ein  kleines  Kind,  seiner  selbst
noch  nicht  mächtig,  auf  dem  Schosse  der  jungen
Tante  Füsschen  sass  und  ihrem  süssen  Gesänge
zuhörte  oder  wenn  ihn  in  der  Neujahrsnacht  die
sanfte  Musik  von  Clarinetten  und  Hörnern  auf
dem  Schlossthurme  weckte  und  er  glaubte  „silberne
Engel  trügen  jetzt  das  neue  Jahr  einem  Sterne
gleich  am  blauen  Himmel  vorbei”,  aber  den  Muth
nicht  hatte  aufzustehn  und  zu  sehen.  Es  gab  für
ihn,  der  sich  nicht  eins  in  sich  fühlte,  in  Wirklichkeit ­
  zwei  Welten,  und  diese  Doppelgängerei,
diese  Bürgerschaft  in  zwei  ganz  verschiedenen
Welten,  bildet  den  poetisch-philosophischen  Grundgedanken ­
  der  meisten  seiner  Schriften.
Am  vollkommensten  ist  Hoffmann  die  Darstellung ­
  dieser  Doppelwelt  im  Märchen  vom  goldenen ­
  Topfe  gelungen.  Der  Archivarius  Lindhorst
ist  ein  wunderlicher  Mann,  der  zu  seinem  Vergnügen ­
  chemische  Experimente  macht  und  alte
Bücher  liest,  viel  seltene  Manuscripte  in  fremden
Sprachen  besitzt,  dazu  drei  Töchter,  mit  denen  er
in  einem  abgelegenen  Hause  vor  den  Thoren
Dresdens  wohnt.  Aber  für  den  Eingeweihten  ist
er  der  Salamanderfürst,  entsprungen  aus  der  Verbindung ­
  der  Feuerlilie  mit  dem  Jüngling  Phosphorus,
  seine  Töchter  gleiten  als  goldgrüne
Schlänglein  am  Stamme  des  Hollunderbaumes,  in
der  Abendsonne  blitzend,  auf  und  nieder,  und  die
jüngste  entzündet  das  Herz  des  Studenten  Anselmus,
  der  darunter  liegt  und  träumt,  zu  unendlicher ­
  Liebe.  In  dem  kleinen  Garten  vor  dem
Thore  blühen  Cactus  und  flammende  Lilien,
rieseln  krystallene  Fontänen  in  Marmorbecken
und  plaudern  fremde,  wundervolle  Vögel  und  die
Decke  des  Zimmers,  in  dem  Anselmus  Manuscripte ­
  abschreibt,  ist  ein  azurblauer  Himmel,  den
grüne  Palmensäulen  tragen.  Aber  nur  Anselmus
sieht  dies  alles;  nur  er  weiss,  dass  die  alte  Liese,
das  Apfelweib,  die  Abends  heimlich  verbotene
Wahrsagerei  treibt,  der  Abkömmling  des  Flederwischs
  und  der  Runkelrübe  ist,  ein  teuflisches
Princip,  das  dem  Salamanderfürsten  nachstellt,
weshalb  sie  sich  auch  in  den  bronzenen  Thürklopfer ­
  an  seiner  Hausthür  verwandelt  und  als
der  Student  ihn  anfassen  will,  ihn  ekelhaft  angrinst ­
  und  mit  entsetzlichen  Worten  anschnarrt,
dass  er  augenblicklich  in  Ohnmacht  fällt  und  sein
beabsichtigter  Besuch  unterbleibt.  Als  er  dann

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