Häufig tritt in seinen Erzählungen eine Person
auf, die durch groteske Eigentümlichkeit der
äusseren Erscheinung und des Betragens beinahe
widerwärtig auffällt. Ein skurriles Lächeln, eine
kreischende Stimme, ein stechendes Auge, ein
Gehen in seltsamen Bocksprüngen sind ihre unerfreulichen
Kennzeichen. So der wahnsinnige,
diabolisch höhnende Rath Krespel, der kleine
Obergerichtsrath Drosselmeier, der statt des rechten
Auges ein grosses schwarzes Pflaster und statt
der Haare eine schöne weisse Glasperücke trug,
der Profossor in der Automate mit der unangenehm
dissonierenden hohen Stimme, der Spieluhren und
musikalisch-mechanische Figuren verfertigt, der
hagere Archivarius Lindhorst mit den grossen
starren Augen, die „aus den knöchernen Höhlen
des mageren, runzlichten Gesichtes wie aus einem
Gehäuse hervorstrahlten”, den die Schösse des
Ueberrocks, wenn der "Wind hineinfährt, wie ein
Paar grosse Flügel umflattern. Plötzlich, zuweilen,
verändert sich die bizarre Erscheinung, die
Verzerrung glättet sich in sanfte Erhabenheit und
durch die komisch hässliche Maske scheinen ehrfurchtgebietende
Mienen. Dann verwandelt sich
der weite damastene Schlafrock des Archivarius
in einen Königsmantel, ein goldnes Diadem schlingt
sich durch seine weissen Locken und von seinen
anmuthigen Lippen strömt anstatt der kuriosen, unverständlichen
Redensarten gemüthvolle Weisheit.
Dann tritt auf das Antlitz des Professors statt des
abschreckenden sarkastischen Lächelns ein tiefer
melancholischer Ernst, die grauen stechenden
Augen blicken in seliger Verklärung himmelwärts
und während ihn sonst das geistlose taktmässige
Geklingel seiner Maschinen umgab, strömt jetzt,
wo er geht wunderbare Musik aus Büschen und
Bäumen und erfüllt die Seele mit himmlischen
Ahnungen. Dass der Obergerichtsrath Drosselmeier
eigentlich ein guter Wundermann ist, der
alles weiss, fühlen die Kinder, und auch den
Rath Krespel schauen sie freundlich und ehrfürchtig
zugleich an. In diesen Männern malte
sich Hoffmann selbst ab, der mit seiner kleinen
behenden Gestalt, den feinen, zusammengepressten
Lippen, um die ein ironisches Lächeln schwebte,
den grossen spähenden Augen unter mephistophelischen
Brauen und dem grotesken Ziegenbocksprofil
wie ein Hexenmeister oder Zaubermännchen
erschien und auf Fremde zunächst abstossend
wirkte; der aber, wenn er in seinen Träumen von
der Aussenwelt Abstand nahm, sich anders fühlte
und schaute, gut, sanft und weise, wie er gewesen
sein mochte, als er, ein kleines Kind, seiner selbst
noch nicht mächtig, auf dem Schosse der jungen
Tante Füsschen sass und ihrem süssen Gesänge
zuhörte oder wenn ihn in der Neujahrsnacht die
sanfte Musik von Clarinetten und Hörnern auf
dem Schlossthurme weckte und er glaubte „silberne
Engel trügen jetzt das neue Jahr einem Sterne
gleich am blauen Himmel vorbei”, aber den Muth
nicht hatte aufzustehn und zu sehen. Es gab für
ihn, der sich nicht eins in sich fühlte, in Wirklichkeit
zwei Welten, und diese Doppelgängerei,
diese Bürgerschaft in zwei ganz verschiedenen
Welten, bildet den poetisch-philosophischen Grundgedanken
der meisten seiner Schriften.
Am vollkommensten ist Hoffmann die Darstellung
dieser Doppelwelt im Märchen vom goldenen
Topfe gelungen. Der Archivarius Lindhorst
ist ein wunderlicher Mann, der zu seinem Vergnügen
chemische Experimente macht und alte
Bücher liest, viel seltene Manuscripte in fremden
Sprachen besitzt, dazu drei Töchter, mit denen er
in einem abgelegenen Hause vor den Thoren
Dresdens wohnt. Aber für den Eingeweihten ist
er der Salamanderfürst, entsprungen aus der Verbindung
der Feuerlilie mit dem Jüngling Phosphorus,
seine Töchter gleiten als goldgrüne
Schlänglein am Stamme des Hollunderbaumes, in
der Abendsonne blitzend, auf und nieder, und die
jüngste entzündet das Herz des Studenten Anselmus,
der darunter liegt und träumt, zu unendlicher
Liebe. In dem kleinen Garten vor dem
Thore blühen Cactus und flammende Lilien,
rieseln krystallene Fontänen in Marmorbecken
und plaudern fremde, wundervolle Vögel und die
Decke des Zimmers, in dem Anselmus Manuscripte
abschreibt, ist ein azurblauer Himmel, den
grüne Palmensäulen tragen. Aber nur Anselmus
sieht dies alles; nur er weiss, dass die alte Liese,
das Apfelweib, die Abends heimlich verbotene
Wahrsagerei treibt, der Abkömmling des Flederwischs
und der Runkelrübe ist, ein teuflisches
Princip, das dem Salamanderfürsten nachstellt,
weshalb sie sich auch in den bronzenen Thürklopfer
an seiner Hausthür verwandelt und als
der Student ihn anfassen will, ihn ekelhaft angrinst
und mit entsetzlichen Worten anschnarrt,
dass er augenblicklich in Ohnmacht fällt und sein
beabsichtigter Besuch unterbleibt. Als er dann
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