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des Archivarius Tochter Serpentina geheirathet
hat, weiss nur er, dass das Rittergut, welches
nach der Meinung der Leute sein Schwiegervater
dem jungen Paare geschenkt hat, in Wahrheit das
Wunderland Atlantis ist, die Heimath des Sala
manders und der Feuerlilie, wo der Einklang aller
Wesen verwirklicht ist.
Die Komik und der Humor entstehen nun aus
dem Zusammenstoss dieser Welt mit der der reinen
Prosa, die vertreten ist durch den Conrektor
Paulmann mit seiner Tochter Veronika und dem
Registrator Heerbrand. Der Conrektor Paulmann
ist der ächte, ungetheilte, vollkommene Philister
und als solcher in seiner skrupellosen Naivetät
ansprechend, während der Registrator Heerbrand,
um sich einen Schein höherer Bildung zu geben,
Verständniss, ja eine gewisse Neigung für das
Wunderbare und Poetische zur Schau trägt, was
ihm aber in der That womöglich noch ferner
liegt als jenem. Veronika dagegen, ganz jung
und unreif, doppelt bildsam durch ihre Verliebt
heit in Anselmus, schwankt eine Weile zwischen
den beiden Welten, bis eitle Sinnlichkeit den Sieg
über sie davonträgt, so dass sie sich begnügt, Hof-
räthin Heerbrand zu werden.
Bewundernswürdig durchgeführt ist der Ueber-
gang aus dieser Welt in die andere, so nämlich
dass wir ihn sich vollziehen sehen durch die Augen
des Studenten Anselmus und es uns freisteht wie
der Conrektor Paulmann zu glauben, derselbe sei
betrunken oder wahnwitzig, oder dies sei die Art
eines poetischen Gemüthes die Dinge aufzufassen.
Die letztere Deutung flicht Hoffmann selbst mit
überflüssiger Deutlichkeiten die Geschichte ein,
die man aber nur im Lichte seiner, der roman
tischen Weltanschauung, recht versteht: dass der
Bildersprache des Dichters, des Kindes und des
ursprünglichen Menschen eine Wirklichkeit ent
spricht, die durch die Entwicklung des Unbewuss
ten zum Bewusstsein in Zeit und Raum verloren,
aber ewig wahr und da sei und auch für den Men
schen wiedergewonnen werden müsse.
Dieselbe Idee wird in derselben Art in mehreren
anderen Erzählungen ausgeführt. Im Klein Zaches
ist das Fräulein von Rosenschön für den Wissen
den die Fee Rosabelverde, die vor dem Auf
klärungsedikt des Fürsten Paphnutius in einem
Fräuleinstift Zuflucht suchen musste und der Dok
tor Prosper Albanus ein Zauberer, der bei Zoro-
aster die Weisheit erlernt hat. Aber nur Bal
thasar sieht die weissen Einhörner, die seinen
Muschelwagen ziehen und den Silberfasan, der
ihn lenkt, nur er vernimmt die Himmelsmusik,
die in herrlichen Akkorden durch seinen Garten
wogt; der Pöbel sieht nur ein wunderlich aufge
putztes Cabriolet und hört die Klänge einer ge
schickt angebrachten Aeolsharfe. Klein Zaches
ist das missgestaltete Kind eines armen Bauern
weibes, dem die Fee aus Mitleid die Gabe ver
liehen hat, alle Bewunderung, die andere verdienen,
auf sich zu lenken. Aber die Kraft, die nicht
aus seinem Selbst hervorgeht und ihm nur äusser-
lich angeklebt ist wie ein Paar Flügel, die dem
Menschen doch nicht zum Fluge helfen, kann
nicht dauern: Klein Zaches geht elend zu Grunde,
aber nach seinem Tode fängt der Liebeszauber
der guten Fee wieder zu wirken an, dass er allen
erscheint was er niemals war: als ein vollendeter
Mensch. Auch über diesem Stiefkinde der Natur,
dessen äussere Hässlichkeit seine innere ausdrückt,
waltet die erbarmende göttliche Liebe und birgt
es tröstend in ihren geheimnissvollen Schatten. In
wenig anderen Erzählungen zeigt sich Hoffmann
so schön als der Humorist, der im Urdarbrunnen,
dessen Geschichte er dem tollen Märchen von der
Prinzessin Brambilla zu Grunde gelegt hat, sich
und die Welt geschaut und erkannt hat. Nach
seiner eigenen Ausdrucksweise bedeutet die Urdar-
quelle nichts anderes als „die wunderbare, aus der
tiefsten Anschauung der Natur geborene Kraft
des Gedankens, seinen eigenen ironischen Doppel
gänger zu machen, an dessen seltsamlichen Faxen
er die seinigen und — ich will das freche Wort
beibehalten — die Faxen des ganzen Seins hie-
nieden erkennt und sich daran ergötzt.” Denn
wer sich selbst im Bilde, sich selbst als Erscheinung
sehen kann, hat sich eben dadurch von der Schein
welt gelöst und schwebt unberührt von ihrem
Jammer als freies seliges Bewusstsein über ihr.
Im Märchen „das fremde Kind” ist der Ma
gister Tinte zugleich der Gnomenkönig Pepser
und eigentlich eine Fliege. Den Eltern seiner
Zöglinge ist im Laufe des Lebens der innere Sinn
schon etwas stumpf geworden und sie suchen
ihren Kindern ernstlich einzureden, dass sie einen
würdigen, menschlichen Erzieher haben; als er
aber eines Tages seine Natur verräth, indem er
sich summend und brummend über einen Milchnapf
stürzt, ihn mit widrigem Rauschen ausschlürft,
dann die nassen Rockschösse schüttelt und mit
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