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MAK

Full text : Jahrgang 2 (1899) (Heft 11)

legte  es  und  suchte  ihm  auf  den  Grund  zu  kommen.
Die  romantische  Philosophie  war  ihm  wohl  bekannt, ­
  Schuberts  f  Ansichten  von  der  Nachtseite
der  Natur  schätzte  er  hoch  und  wo  ihm  Gelegenheit ­
  wurde,  suchte  er  selbst  Beobachtungen  über
die  Räthsel  im  Menschen  anzustellen.  Traum,
Somnambulismus,  Wahnsinn,  alle  die  Zustände,
die  einen  Blick  in  die  Abgründe  der  Innenwelt
gewähren,  hatten  eine  grosse  Anziehungskraft  für
ihn.  Vom  Traume,  der  „mit  einem  Kuss  das
innere  Auge  weckt",  sollte  die  kleine  Novelle
„Der  Magnetiseur",  handeln,  aber  er  gerieth  dabei ­
  unversehens  in  noch  tiefere,  verstecktere  Regionen, ­
  die  ihn  mehr  lockten:  auf  die  geheimnissvolle
  Macht,  mit  der  ein  Geist  einen  andern,  bewusstlosen, ­
  beeinflussen  kann.  Der  Magnetismus
liess  verborgene  Kräfte  ahnen,  die  den  Menschen,
der  sie  zu  gebrauchen  weiss,  in  Wirklichkeit  zu
dem  Zauberer  machen,  von  dem  der  Aberglaube
von  jeher  gefabelt  hat.  Als  Träger  derselben
liess  Hoffmann  gern  einen  diabolischen  Menschen
von  überlegener  Begabung  auftreten,  mit  pechschwarzen ­
  brennenden  Augen  und  Habichtsnase,
der  seine  beherrschende  Willenskraft  unbedenklich
zu  selbstischen  Zwecken  verwendet.  Er  übt  seinen
unwiderstehlichen  Zauber  auf  unschuldige  strebsame ­
  Jünglinge  und  namentlich  junge  Mädchen
aus:  der  alte  Baron  im  Magnetiseur  stand  in
seiner  Jugend  unter  der  Macht  des  dänischen
Majors,  sein  Sohn  Ottmar  und  seine  Tochter
Maria  stehen  unter  der  Albans.  Alban  ist  mit
imponierenden  Gaben  ausgestattet,  aber  wie  er
seine  angeborene  Schönheit  selbst  entstellt  hat
durch  spöttisch-teuflischen  Ausdruck,  missbraucht
er  seinen  hohen  Geist,  um  auf  anderer  Kosten  sich
selbst  zu  erhöhen  und  wird  so  aus  einem  Engel
zum  Satan.  Gott  ist,  nach  seiner  Lehre,  der
Brennpunkt  aller  psychischen  Strahlen;  je  mehr
Seelen  es  also  einem  gelingt  in  sich  zu  sammeln,
desto  näher  steht  man  Gott.  Infolgedessen  trachtet ­
  er  danach  so  viel  Menschen  als  möglich  unter
seine  geistige  Herrschaft  zu  bringen  und  gewissermaassen
  auszusaugen,  um  sein  eigenes  Ich  dadurch
anzuschwellen.  Maria,  die  einem  abwesenden
Verlobten  in  treuer  Liebe  ergeben  ist,  kann  sich
doch  dem  übermächtigen  Einfluss  nicht  entziehen
und  geht  unter  in  dem  Kampfe,  den  ihr  schwaches
Selbst  mit  dem  Eindringling  in  ihrem  Innern
kämpft.
Im  „unheimlichen  Gast”,  der  denselben  Stoff

behandelt,  wird  Angelika  im  letzten  Augenblick
vor  dem  Vampyr  gerettet.  Im  „öden  Hause"
wird  der  magnetische  Zauber  von  einem  Weibe
gegen  einen  Mann  ausgeübt,  was  den  Verlauf
ganz  anders  gestaltet,  indem  der  Mann  der  fremden ­
  Gewalt  seinen  Willen,  seine  Kenntnisse,  seine
Philosophie  entgegensetzen  kann,  dabei  aber  freilich ­
  an  den  Rand  des  Wahnsinns  geräth.  Im
„Sandmann"  ist  der  Sache  dadurch  eine  ganz
andere  Wendung  gegeben,  dass  Nathanael  die  verderbliche ­
  Macht,  die  von  aussen  her  auf  ihn  einwirkt, ­
  eigentlich  selbst  erst  durch  die  Raserei
seiner  Phantasie  entzündet.  Aber  gerade  in  diesem ­
  Wahnsinn,  der  schon  in  dem  Kinde  keimt
und  obwohl  von  dem  Erwachsenen  selbst  und
seiner  liebenden  Umgebung  bekämpft,  sich  unabänderlich ­
  entwickelt,  von  den  geringfügigsten
äusseren  Umständen  scheinbar  gefördert  wird,  und
schliesslich,  im  Augenblick  wo  man  ihn  überwunden ­
  glaubt,  vernichtend  losbricht,  etwas  entsetzliches. ­

Stimmungen,  wo  er  sich  wahnsinnig  werden
fühlte,  hatte  Hoffmann  oft  selbst  erlebt,  der
Wahnsinn  war  ein  Lieblingsthema  seiner  Gedanken
und  seiner  Phantasie.  Aber  er  schildert  nie,  was
ich  natürlichen  Wahnsinn  nennen  möchte,  sondern ­
  solchen,  der  sich  aus  einem  von  Anfang  an
unregelmässigen  Bewusstsein  entwickelt,  phantasievolle ­
  Personen,  in  denen  der  innere  Sinn  sich  auf
Kosten  des  äusseren  ausgebildet  hat.  Er  selbst
würde  es  serapiontischen  Wahnsinn  nennen  nach
dem  Einsiedler  Serapion,  von  dem  er  erzählt,  dass
er  durchaus  vernünftig  und  logisch  dachte  und
nur  insofern  irrte,  dass  er  sich  für  den  Anachoreten
  Serapion  hielt,  der  vor  vielen  Jahrhunderten
unter  Kaiser  Decius  lebte  und  den  Märtyrertod
erlitt.  Diese  Idee  führte  er  aber  mit  einer  Folgerichtigkeit ­
  durch,  dass  es  unmöglich  war,  eine
Lücke  in  der  Kette  seiner  Wahnvorstellungen  zu
finden,  von  der  aus  man  ihn  hätte  widerlegen
können.  Denn  sein  Wahnsinn  bestand  eigentlich
nur  darin,  dass,  wie  Hoffmann  klar  und  ergreifend
sagt,  irgend  ein  feindlicher  Stern  ihm  die  Erkenntniss
  der  Duplicität  geraubt  hatte,  von  der  das  irdische ­
  Dasein  bedingt  ist.
„Es  giebt  eine  innere  Weit  und  die  geistige  Kraft,
sie  in  volle  Kraft,  in  dem  vollendetsten  Glanze  des  regesten
  Lebens  zu  schauen,  aber  es  ist  unser  irdisches
Erbtheil,  dass  eben  die  Aussenwelt,  in  der  wir
eingeschachtelt,  als  der  Hebel  wirkt,  der  jene
            
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