legte es und suchte ihm auf den Grund zu kommen.
Die romantische Philosophie war ihm wohl bekannt,
Schuberts f Ansichten von der Nachtseite
der Natur schätzte er hoch und wo ihm Gelegenheit
wurde, suchte er selbst Beobachtungen über
die Räthsel im Menschen anzustellen. Traum,
Somnambulismus, Wahnsinn, alle die Zustände,
die einen Blick in die Abgründe der Innenwelt
gewähren, hatten eine grosse Anziehungskraft für
ihn. Vom Traume, der „mit einem Kuss das
innere Auge weckt", sollte die kleine Novelle
„Der Magnetiseur", handeln, aber er gerieth dabei
unversehens in noch tiefere, verstecktere Regionen,
die ihn mehr lockten: auf die geheimnissvolle
Macht, mit der ein Geist einen andern, bewusstlosen,
beeinflussen kann. Der Magnetismus
liess verborgene Kräfte ahnen, die den Menschen,
der sie zu gebrauchen weiss, in Wirklichkeit zu
dem Zauberer machen, von dem der Aberglaube
von jeher gefabelt hat. Als Träger derselben
liess Hoffmann gern einen diabolischen Menschen
von überlegener Begabung auftreten, mit pechschwarzen
brennenden Augen und Habichtsnase,
der seine beherrschende Willenskraft unbedenklich
zu selbstischen Zwecken verwendet. Er übt seinen
unwiderstehlichen Zauber auf unschuldige strebsame
Jünglinge und namentlich junge Mädchen
aus: der alte Baron im Magnetiseur stand in
seiner Jugend unter der Macht des dänischen
Majors, sein Sohn Ottmar und seine Tochter
Maria stehen unter der Albans. Alban ist mit
imponierenden Gaben ausgestattet, aber wie er
seine angeborene Schönheit selbst entstellt hat
durch spöttisch-teuflischen Ausdruck, missbraucht
er seinen hohen Geist, um auf anderer Kosten sich
selbst zu erhöhen und wird so aus einem Engel
zum Satan. Gott ist, nach seiner Lehre, der
Brennpunkt aller psychischen Strahlen; je mehr
Seelen es also einem gelingt in sich zu sammeln,
desto näher steht man Gott. Infolgedessen trachtet
er danach so viel Menschen als möglich unter
seine geistige Herrschaft zu bringen und gewissermaassen
auszusaugen, um sein eigenes Ich dadurch
anzuschwellen. Maria, die einem abwesenden
Verlobten in treuer Liebe ergeben ist, kann sich
doch dem übermächtigen Einfluss nicht entziehen
und geht unter in dem Kampfe, den ihr schwaches
Selbst mit dem Eindringling in ihrem Innern
kämpft.
Im „unheimlichen Gast”, der denselben Stoff
behandelt, wird Angelika im letzten Augenblick
vor dem Vampyr gerettet. Im „öden Hause"
wird der magnetische Zauber von einem Weibe
gegen einen Mann ausgeübt, was den Verlauf
ganz anders gestaltet, indem der Mann der fremden
Gewalt seinen Willen, seine Kenntnisse, seine
Philosophie entgegensetzen kann, dabei aber freilich
an den Rand des Wahnsinns geräth. Im
„Sandmann" ist der Sache dadurch eine ganz
andere Wendung gegeben, dass Nathanael die verderbliche
Macht, die von aussen her auf ihn einwirkt,
eigentlich selbst erst durch die Raserei
seiner Phantasie entzündet. Aber gerade in diesem
Wahnsinn, der schon in dem Kinde keimt
und obwohl von dem Erwachsenen selbst und
seiner liebenden Umgebung bekämpft, sich unabänderlich
entwickelt, von den geringfügigsten
äusseren Umständen scheinbar gefördert wird, und
schliesslich, im Augenblick wo man ihn überwunden
glaubt, vernichtend losbricht, etwas entsetzliches.
Stimmungen, wo er sich wahnsinnig werden
fühlte, hatte Hoffmann oft selbst erlebt, der
Wahnsinn war ein Lieblingsthema seiner Gedanken
und seiner Phantasie. Aber er schildert nie, was
ich natürlichen Wahnsinn nennen möchte, sondern
solchen, der sich aus einem von Anfang an
unregelmässigen Bewusstsein entwickelt, phantasievolle
Personen, in denen der innere Sinn sich auf
Kosten des äusseren ausgebildet hat. Er selbst
würde es serapiontischen Wahnsinn nennen nach
dem Einsiedler Serapion, von dem er erzählt, dass
er durchaus vernünftig und logisch dachte und
nur insofern irrte, dass er sich für den Anachoreten
Serapion hielt, der vor vielen Jahrhunderten
unter Kaiser Decius lebte und den Märtyrertod
erlitt. Diese Idee führte er aber mit einer Folgerichtigkeit
durch, dass es unmöglich war, eine
Lücke in der Kette seiner Wahnvorstellungen zu
finden, von der aus man ihn hätte widerlegen
können. Denn sein Wahnsinn bestand eigentlich
nur darin, dass, wie Hoffmann klar und ergreifend
sagt, irgend ein feindlicher Stern ihm die Erkenntniss
der Duplicität geraubt hatte, von der das irdische
Dasein bedingt ist.
„Es giebt eine innere Weit und die geistige Kraft,
sie in volle Kraft, in dem vollendetsten Glanze des regesten
Lebens zu schauen, aber es ist unser irdisches
Erbtheil, dass eben die Aussenwelt, in der wir
eingeschachtelt, als der Hebel wirkt, der jene