Kraft in Bewegung setzt. Die inneren Erschei
nungen gehen auf in dem Kreise, den die äusseren
um uns bilden, und den der Geist nur zu über
fliegen vermag in dunklen, geheimnissvollen
Ahnungen, die sich nie zum deutlichen Bilde ge
stalten. Aber du, o mein Einsiedler, statuiertest
keine Aussenwelt, du sahst den versteckten Hebel
nicht, die auf dein Inneres ein wirkende Kraft;
und wenn du mit grauenhaftem Scharfsinn be
hauptetest, dass es nur der Geist sei, der sehe,
höre, fühle, der That und Begebenheit fasse, und
dass also auch sich wirklich das begeben was er
dafür anerkenne, so vergassest du, dass die Aussen
welt den in den Körper gebannten Geist zu jenen
Funktionen der Wahrnehmung zwingt nach Will
kür. Dein Leben, lieber Anachoret, war ein steter
Traum, aus dem du in dem Jenseits gewiss nicht
schmerzlich erwachtest."
Von diesem Standpunkte aus war Hoffmann
allerdings berechtigt zu sagen, dass „einiger Wahn
sinn, einige Narrheit" tief in der menschlichen
Natur begründet sei, und vorzüglich natürlich in
der künstlerischen. Dem Phantasten mag der
jenige wahnsinnig erscheinen, der den wechselnden
Strom der Erscheinungen für das Wirkliche nimmt;
wenn dieser seinerseits die Balthasar und Anselmus
für Narren hält, lässt sich auch nichts dagegen
einwenden. Der überlegene Humor Hoffmanns
bethätigt sich eben darin, dass er über beiden
steht, wenn er auch natürlich für den Wahnsinn
des poetischen Träumers Partei nimmt. Am
schauerlichsten versinnbildlicht er die Einsamkeit
des kranken Geistes inmitten seiner selbstgeschaf
fenen Visionen in der Leidenschaft Nathanaels im
„Sandmann" für die Wachsfigur, die der Urheber
für seine Tochter Olimpia ausgiebt. Wie er ihren
steifen, abgemessenen Gang bewundert, entzückt
lauscht, wenn sie mit ihrer schneidenden Glas
glockenstimme singt, von grausigem Todesfrost
durchbebt wird, wenn er die Eiskälte ihrer Hand
spürt, aber bald zu fühlen glaubt, dass sie in der
seinigen warm wird, wie er mit ihr tanzt, ohne
die rhythmische Festigkeit, mit der sie sich dreht,
und die alle andern als etwas unheimliches em
pfinden, zu bemerken, wie er die höchsten Schwär
mereien und die Liebe seines Herzens vor ihrer
wächsernen Unbeweglichkeit ergiesst und dabei
nicht gewahr wird, dass der Ballsaal sich leert,
die Kerzen erlöschen und die letzten Töne der
Musik verhallen, das gehört zu den schaurigsten
Bildern aus der Hoffmann'schen Zauberlaterne,
grade darum so entsetzlich, weil es zugleich ko
misch ist.
Auf die Mitwirkung des „inneren Sinnes"
gründete er jedenfalls sein Kunstprincip. Was
nicht im Innern des Verfassers aufgegangen und
angeschaut war, zählte er nicht zur Kunst. Aber
keineswegs sollte diese Innenwelt ohne Zusammen
hang mit der Sinnenwelt schweben, vielmehr sollten
es gerade die alltäglichsten Figuren des Lebens
sein, die der Künstler eintauchen Hess in seinen
Jungbrunnen, dass sie vergoldet und phantastisch
geschmückt, als reizende oder groteske Gestalten,
je nachdem der Geisterputz ihnen anstand, daraus
hervorgingen. Das rühmte er an den Märchen
aus Tausendundeiner Nacht, dass eben das ge
meinste tägliche Leben sich dort in einer tollen
Farben weit durcheinanderbewegte, und deswegen
bewunderte er den Maler Jaques Callot so sehr,
weil er alles — seien es Bauertänze, Schlachten,
Aufzüge — in „den Schimmer einer gewissen ro
mantischen Originalität" zu kleiden wusste und
dabei in seinen abenteuerlich aus Mensch und
Thier zusammengesetzten Gestalten die tiefsinnige
Ironie zeigte, die des Menschen Bestimmung mit
des Menschen Thun halb wehmüthig, halb aus
gelassen scherzend vergleicht.
Einen wesentlichen Unterschied zwischen den
Künsten erkannte Hoffman als ächter Romantiker
nicht an: wie er von dem Dichter verlangte, er
müsse innerer Musiker sein, so vom Maler, dass
er vor allen Dingen Dichter sei. Dass Callot Fehler
in der Vertheilung des Lichts und in der Gruppie
rung machte, hielt er für unwesentlich dem gegen
über, dass seine Bilder Reflexe seien „aller der
phantastischen wunderlichen Erscheinungen, die der
Zauber seiner überregen Phantasie hervorrief".
„Auffassung der Natur in der tiefsten Bedeutung
des höheren Sinns, der alle Wesen zum höheren
Leben entzündet, das ist der heilige Zweck aller
Kunst". Das blosse Abmalen der Natur kann
demnach nicht Kunst sein, wie man auch kein
Gedicht in einer fremden Sprache, die man nicht
versteht, gut würde vortragen können. Zwar soll
man die Natur auch im Mechanischen studieren, um
„die Praktik der Darstellung" zu erlangen, nur
verwechsle man die Meisterschaft in der Technik
nicht mit der Kunst. Wer eingeweiht ist, wer
den sechsten Sinn hat, um in die Natur hinein
zusehen, für den werden die Zeichen, in denen sie