Skip to main content Jump to sidebar
MAK

Full text : Jahrgang 2 (1899) (Heft 11)

schreibt,  dem  Unkundigen  nur  tote  Schnörkel,  zu
lebendigen,  bedeutungsvollen  Hieroglyphen,  die
sich  klingend  und  flammend  von  selbst  zu  wundervollen ­
  Landschaften  zusammenfügen.
Die  Landschaftsmalerei  stellte  er  am  höchsten
und  als  die  Meister  derselben  verehrte  er  Salvator
Rosa  und  Claude  Lorrain.  Er  selbst,  abgesehen
davon  dass  er  ein  geschickter  Dekorationsmaler
gewesen  sein  soll,  hatte  natürliche  Begabung  nur
für  die  Karrikatur,  und  wenn  er  sich  ernstlich  auf
die  Malerei  verlegt  hätte,  wäre  es  ihm  wohl  so
ergangen  wie  seinem  Berthold  in  der  „Jesuiterkirche”,
  dem  zwar  in  inneren  Traumgesichten
das  heimliche  Wesen  der  Natur  herrlich  auf  geht,
dem  aber  die  Schöpferkraft  sie  so  darzustellen
gebricht.  Denn  auch  in  seinen  Dichterwerken
treffen  wir  ebensowenig  jemals  die  reine  schöne
Natur  wie  die  Liebe.  Liebe  hatte  er  lebenslang
ersehnt,  aber  niemals  schön  in  sich  erlebt  und  auch
nicht  dargestellt.  An  Heissblütigkeit  glich  er  einem
Italiener,  wie  er  auch  äusserlich,  wenn  er  seine
Dienstuniform  trug,  einem  italienischen  oder  französischen ­
  General  ähnlich  gewesen  sein  soll.  Er
selbst  klagt,  dass  die  Heftigkeit,  vielmehr  Raserei
seiner  Empfindung,  stets  sein  Glück  zerstört  habe.
Man  weiss  aber,  dass,  je  sinnlicher  ein  Volk,  desto
niedriger  die  Stellung  seiner  Frauen  und  sein
Begriff  von  Liebe  ist,  und  wenn  nun  auch  Hoffmanns,
  als  eines  so  aufmerksamen  und  idealistischen
Mannes,  Begriff  der  Liebe  ausserordentlich  hoch
war,  so  war  er  doch  nicht  im  Stande,  ihn  auf  der
Erde  unter  wirklichen  Menschen  unterzubringen.
Eine  Frau  anders  als  vom  geschlechtlichen  Standpunkte ­
  aus  anzusehen  war  ihm  unmöglich;  handelte ­
  es  sich  auch  nur  um  ein  flüchtiges  Gespräch
oder  um  einen  Tanz,  so  musste  er  selbst  für  diese
kurze  Dauer  wenigstens  die  Möglichkeit  sich  zu
verlieben  sehen,  wenn  er  sich  unterhalten  sollte.
Er  gab  zwar  zu,  dass  eine  ältere  Frau,  wenn  sie
Geist  besitzt,  das  jüngste  Mädchen  an  Anmuth
und  Reiz  übertreffen  könne,  aber  sein  Temperament
zog  ihn  doch  immer  unwiderstehlich  zu  diesen
jüngsten  Mädchen  hin,  die  er  hernach  verspottete.
Für  seine  Freunde  war  es  ein  Aergemiss  mit  anzusehen, ­
  wenn  er,  als  reifer  Mann,  sich  für  irgendein  sechzehnjähriges ­
  Mädchen  aufs  Aeusserste  erhitzte,  was
um  so  peinlicher  war,  als  er  sich  selbst  dabei  lächerlich ­
  vorkam  und  der  innere  Zwiespalt  ihn  hässlich
verzerrte.  Auch  in  seinen  Liebesgeschichten  ist  die
Heldin  ein  „liebes  Engelskind”  oder  „holdes  Himmelsbild”

  von  sechzehn  Jahren,  deren  Erscheinung  aber
in  den  meisten  Fällen  eine  leise  Ironie  begleitet,
so  dass  man  spürt,  die  thörichte  Verherrlichung
gehe  eigentlich  nicht  vom  Dichter,  sondern  von
seinem  verblendeten  Liebhaber  aus,  den  er  sogar
zuweilen  noch  zu  retten  für  gut  findet.  So  schliesst
die  Brautwahl  damit,  dass  der  Maler  Edmund  seine
Braut  Albertine,  um  deren  Besitz  sich  die  ganze
Erzählung  gedreht  hat,  verlässt,  um  eine  Kunstreise ­
  nach  Italien  zu  machen,  und  der  Leser  wird
mit  der  frohen  Ueberzeugung  entlassen,  dass  er
sich  ganz  von  ihr  losmachen  und  nur  der  Malerei
leben  wird.  In  der  „Jesuiterkirche”  wird  ein  verwandter ­
  Gegenstand  behandelt,  dass  nämlich  ein
von  hoher  Liebe  Begeisterter,  namentlich  ein  Künstler, ­
  niemals  sein  Ideal  als  Frau  heimführen  und
dadurch  in  den  Kreis  des  Alltäglichen  herabziehen
dürfe.  Berthold  heiratet  die  herrliche  Geliebte,
die  ihn  eigentlich  zum  Künstler  gemacht  hat,  indem
er  sein  Genie  in  der  Bemühung  ihr  Ebenbild  wiederzugeben ­
  entdeckte;  und  von  dem  Augenblick  an
erlahmt  seine  Kraft,  er  sieht  den  überirdischen
Schimmer  nicht  mehr,  der  sie  früher  umgab,  der
Aufschwung,  den  seine  Liebe  ihm  sonst  verlieh
und  der  ihn  zu  grossen  Leistungen  befähigte,  stellt
sich  nicht  mehr  ein,  er  fängt  an  als  hemmend
zu  empfinden,  was  ihn  sonst  beflügelt  und  seine
Frau,  trotzdem  er  sie  innigst  bemitleidet,  zu  hassen,
bis  er  sie  schliesslich  in  der  Raserei  der  folternden
Qualen  ermordet.  Die  erschütternde  Tragik,  die
in  dieser  Verwickelung  liegt,  hat  Hoffmann  allerdings ­
  nicht  gestalten  können.  Seine  Kraft  liegt
im  ironischen  Humor,  den  er  im  Artushof  so
allerliebst  spielen  lässt;  dort  rettet  er  den  kunstbegabten ­
  Traugott  erst  vor  der  häuslichen,  ganz
prosaischen  Christine  und  dann  vor  deren  Gegenstück, ­
  der  geheimnissvollen  Felicitas,  die  er  eigentlich ­
  nur  als  Bild  kennen  und  lieben  lernt.  Denn
als  er  hört,  dass  das  hohe  Ideal,  das  er  nie  zu
gewinnen  dachte,  aber  auch  nie  verlieren  zu  können
glaubte,  Kammerräthin  Mathesius  in  Marienwerder
geworden  ist,  erlöscht  die  Schwärmerei  in  seiner
Brust,  und  wenn  Hoffmann  ihn  doch  noch  in
eine  in  der  Zukunft  liegende  Verlobung  einmünden
lässt,  so  ist  das  wohl  mehr  ein  Zugeständniss  an
das  Publikum  oder  der  Wunsch  die  Geschichte
mit  einer  hübsch  beleuchteten  Gruppe  zu  schliessen.
Im  „Klein  Zaches”  ist  man  jeden  Augenblick
darauf  gefasst,  dass  Hoffmann  seinen  dichterischen
Balthasar  noch,  eh  es  zur  Hochzeit  kommt,  der
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.