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MAK

Full text : Jahrgang 2 (1899) (Heft 11)

holden  Candida  im  Triumphe  entführt;  wenn  er
ihr  diesmal  sein  Wohlwohlen  nicht  entzieht,  ist
es  jedenfalls,  weil  er  sie  von  Anfang;  an  als  ein
lustiges,  unbefangenes  Mädchen  hingestellt  hat,
das  Schiller,  Goethe  und  Fouque  zwar  gelesen,
aber  auch  gründlich  wieder  vergessen  hat,  reichlich
Kuchen  zum  Thee  isst  und  weder  empfindsam
noch  sonst  gebildet  ist  und  sein  will.  Den  vernichtendsten ­
  Spott  hat  er  im  „Sandmann"  über
die  Frauen  und  zugleich  über  die  Gesellschaft  ausgegossen, ­
  wo  es  dem  Professor  Spalanzani  gelingt,
eine  Wachspuppe  in  die  ästhetischen  Kreise  einzuführen. ­
  In  höchst  vernünftigen  Theezirkeln  hat
sie  Glück  gehabt,  nur  einige  kluge  Studenten  haben
bemerkt,  dass  es  eine  eigene  Bewandtniss  mit  ihr
hatte.  Seitdem  „schlich  sich  ein  abscheuliches
Misstrauen  gegen  menschliche  Figuren  ein",  und
mehrere  Liebhaber  verlangten  von  ihren  Damen,
dass  sie  nicht  nur  zuhörten,  sondern  auch  manchmal ­
  so  sprächen,  „dass  dies  Sprechen  wirklich  ein
Denken  und  Empfinden  voraussetze".  Es  ist  anzuerkennen, ­
  dass  Hoffmann  hinzusetzt,  es  wären
manche  Liebesbündnisse  dadurch  viel  fester  und
anmutiger  geworden.
Aehnlich  wie  mit  der  Liebe  ging  es  Hoffmann
mit  der  Natur.  Wie  er  am  schönsten  die  traumhafte ­
  Liebe  zu  dem  Zauberwesen  Serpentina  schildert, ­
  so  malt  er  auch  am  liebsten  und  am  reizendsten ­
  Atlantis,  das  Dschirnistan  seiner  Sehnsucht,
das  sich  zur  Natur  ungefähr  so  verhält,  wie  eine
durch  farbige  Gläser  geschaute  Landschaft  zu  einer
mit  dem  blossen  Auge  gesehenen.  In  seinen  Gärten
blühen  Tulpen,  Kaktus  und  Feuerlilien,  exotische
Vögel  mit  glitzerndem  Gefieder  schwirren  kreischend
darin  umher.  So  viel  er  auch  den  Frieden  des
Waldes  der  Stadt  gegenüber  hervorhebt  und  gewiss
empfunden  hat,  athmet  uns  doch  nie  die  Natur
selbst  aus  seinen  Werken  an,  die,  als  etwas  einmüthiges,
  nie  komisch  wirkt,  wenigstens  erst  wo
sie  sich  im  Thierleben  darstellt.  Bei  dieser  Veranlagung ­
  hat  die  späte  Leidenschaft,  die  der  sterbende ­
  Dichter  für  die  Natur  empfand,  etwas
rührendes  und  merkwürdiges.  Auf  seinem  Krankenlager ­
  ergriff  ihn  eine  solche  Sehnsucht  nach  dem
Grün  der  Bäume,  dass  er  willig  die  Schmerzen
ertrug,  die  mit  einer  Ausfahrt  verbunden  waren,
um  nur  den  Anblick  des  Waldes  zu  gemessen  und
er  pflegte  von  einem  solchen  Ausfluge,  der  für  die
begleitenden  Freunde  um  seinetwillen  etwas  jammervolles ­
  hatte,  entzückt  heimzukehren.  Dieses  Erlebniss

  spiegelt  sich  in  der  fragmentarischen  Novelle
„die  Genesung",  die  man  nicht  das  beste  seiner
Werke  nennen  kann,  aber  das  seelenvollste.
Auf  das  Unheimliche  der  Automaten,  das  wohl
jeder  mitempfinden  kann,  der  einmal  ein  Wachsfigurenkabinet
  besucht  und  vielleicht  eine  Figur
im  ersten  Augenblick  für  lebend  gehalten  hat,  kam
Hoffmann  oft  zurück.  Es  liegt  wohl  darin,  dass
die  getreue  Nachäffung  des  Lebens,  das  doch  kein
Leben  ist,  was  auch  den  Anblick  einer  Leiche
oder  unseres  Spiegelbildes,  wenn  es  uns  unerwartet
entgegentritt,  so  schreckhaft  machen  kann,  uns
eine  Anschauung  unserer  Doppelnatur  gewährt.
Wir  gewahren  ein  Ich,  sei  es  nun  unser  eigenes
oder  ein  fremdes,  das  uns  gleich  und  doch  nur
ein  Trugbild  ist  und  zu  fragen  scheint:  wer  bist
du?  glaubst  du  mehr  zu  sein  als  ich?  oder:  siehst
du  nun,  in  welchem  Irrwahn  du  dahingelebt  und
wie  du  immer  das  Tote  für  das  Lebendige  genommen ­
  hast?
Dergleichen  undeutliche,  erschütternde  Vorstellungen ­
  sind  am  meisten  mit  der  Erscheinung
des  sogenannten  Doppelgängers  verknüpft,  der  bei
Hoffmann  denn  auch  öfters  auftritt.  In  den
„Elixiren  des  Teufels"  und  im  „Doppelgänger"
erklärt  sich  allerdings  das  Wunder  aus  naher
Verwandtschaft  von  zwei  jungen  Männern,  die
gegenseitig  von  ihrem  Dasein  keine  Kenntniss
haben,  dennoch  führt  die  Verwickelung  zu  einigen
grausigen  Scenen,  wo  z.  B.  dem  fliehenden  Medard ­
  us  Nachts  im  Walde  der  wahnsinnige  Doppelgänger, ­
  heulend  und  lachend,  auf  den  Rücken
springt  und  sich  nicht  abschütteln  lässt,  wenn
auch  Medardus  in  seiner  Verzweiflung  gegen
Bäume  und  Felsen  mit  ihm  rast.  Aber  noch
eigentümlicher  erregt  es  uns,  wenn  wir  hören,
dass  Hoffmann  auf  einem  Balle  den  Einfall  hatte,
sich  sein  Ich  durch  ein  Vervielfältigungsglas  zu
denken  und  alle  Gestalten,  die  sich  um  ihn  herumbewegten, ­
  als  seine  Ichs  zu  sehen,  über  deren
Thun  und  Lassen  er  sich  wie  über  sein  eigenes
ärgerte.
Der  exotischen  Stimmung,  in  der  die  Sehergabe ­
  erwachte,  war  Hoffmann  nicht  in  jedem
Augenblick  mächtig,  sie  hervorzurufen  oder  zu
steigern  diente  ihm  der  Weingenuss.  In  je  bunteren, ­
  leuchtenderen  Farben,  in  je  drolligeren  Verzerrungen ­
  ihm  dann  die  Welt  auf  ging,  desto  grauer
und  kälter  erschienen  ihm  die  Stunden  der  Ermattung, ­
  woraus  sich  der  Drang  erklärt,  die  exo-
            
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