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MAK

Full text : Jahrgang 2 (1899) (Heft 11)

letzteren  gehören  z.  B.  „das  Fräulein  von  Scudery”
und  „Meister  Martin”,  die  in  der  Literaturgeschichte
als  seine  besten  und  an  sich  vorzüglich  gepriesen
werden.  Dass  sie  ohne  starken  alkoholischen  Einfluss ­
  geschrieben  wurden,  beweist  unter  anderem
ihre  Verwandtschaft  mit  denjenigen  Geschichten,
die  Hoffmann  auf  seinem  Kranken-  und  Totenbette ­
  schrieb  —  Johannes  Wacht,  der  Feind,  des
Vetters  Eckfenster  —  wo  ihm  der  Genuss  des
Weins  gänzlich  untersagt  war.  Muss  nun  auch
jeder  sehen,  dass  sie  an  Einheit,  Straffheit  und
Fasslichkeit  den  anderen  überlegen  sind,  so  wird
der  Liebhaber  der  Poesie  doch  immer,  wie  Hoffmann ­
  selbst,  die  vorziehen,  die  der  stärkste  Extrakt ­
  seines  Wesens  würzt,  mögen  sie  sich  auch
noch  so  zerfetzt  und  wirbelnd  darstellen.  Die
Sehergabe,  die  er  in  „des  Vetters  Eckfenster”  so
anschaulich  und  geistreich  schildert,  ist  nur  die
feine  Beobachtung  und  rasche  Verknüpfung  eines
guten,  phantasiebegabten  Kcpfes,  nicht  der  hellseherische ­
  sechste  Sinn,  der  den  fünfsinnigen  Durchschnittsmenschen ­
  zeigt,  was  jenseits  ihrer  Welt
liegt.  Ob  er  bei  besserer  Verwendung  seiner  Kräfte
den  sechsten  Sinn  mit  den  übrigen  fünfen  harmonisch ­
  hätte  verschmelzen  können,  welche  Einheit ­
  dann  auch  seinen  Werken  zu  gute  gekommen
wäre?  Einige  Züge  in  seinen  letzten  Schriften
lassen  die  Möglichkeit  ahnen  —  aber  ob  sich
nicht  da  schon  die  nahe  Auflösung  geltend  machte,
ähnlich  der  Verklärung,  womit  der  Feenzauber
den  armen  Klein  Zaches  nach  seinem  Tode
schmückte?  Er  durfte  ja  endlich  sich  selber  entfliehen, ­
  wozu  ihm  seine  Phantasie,  während  er
lebte,  hatte  dienen  müssen;  damit  es  die  unmögliche ­
  Aufgabe  erfülle,  hatte  er  das  edle  Flügelpferd ­
  über  Vermögen  angestrengt  und  immer
wieder  aufgepeitscht,  bis  es  verendet  mit  ihm  zusammenbrach. ­

Einem  alten  Manne  entsteht  infolge  einer
Nervenkrankheit  die  wahnsinnige  Einbildung,  die
Natur  habe  den  Menschen  aus  Zorn  über  ihre
Abtrünnigkeit  das  Grün  entzogen  und  damit  alle
Hoffnung  und  Seligkeit  des  Lebens;  kein  Augenschein ­
  kann  ihn  von  diesem  Wahne  zurückbringen.

Niemand  wird  ohne  Rührung  die  Scene  lesen
können,  wie  der  Alte,  nach  dem  Rath  eines  jungen
Arztes,  in  magnetischen  Schlaf  versetzt  und  so  in
einen  frühlings  grünen  Wald  gebracht  wird,  wo
der  unerwartete  Anblick  des  belaubten  Zeltes  über
ihm  den  Erwachenden  heilt.
„Da  Hess  es  die  ewige  Macht  des  Himmels  geschehen, ­
  dass  eine  besonders  anmuthige  Gunst  des
Schicksals  die  Liebe  des  Fräuleins  lohnte  und  die
Bemühungen  des  guten  Doktors  unterstützte.  In
dem  Augenblick,  als  der  Onkel  das  Wort  „Grün”
lallte,  fuhr  nämlich  ein  Vogel  tirilierend  durch
die  Aeste  des  Baums,  und  von  dem  Flattern  seines
Gefieders  brach  ein  blühender  Zweig  und  fiel  dem
Alten  auf  die  Brust.”
Aber  erst  nachdem  ein  jähes  Entzücken  mit
quälendem  Zweifel  in  ihm  gewechselt  hat,  wird
er  ruhiger  und  während  ein  Strom  von  Thränen
aus  seinen  Augen  bricht,  ruft  er  anbetend  aus  :
„O  Kinder,  Kinder,  welche  Zunge  singt  das  Lob,
den  Preis  der  Mutter  würdig  genug!  O  Grün!
Grün!  mein  mütterliches  Grün!  Nein,  ich  allein
war  es,  der  trostlos  vor  dem  Throne  des  Höchsten
lag  —  wie  hast  du  der  Menschheit  gezürnt!
Nimm  mich  auf  in  deine  Arme!”
Das  mag  in  ihm  selber  vorgegangen  sein,  als
der  arme  Körper,  in  dem  er  sich  nie  heimisch  gefühlt ­
  hatte,  sich  aufzulösen  begann,  als  das  hitzige
Blut,  das  ihn  so  sehr  gepeinigt  hatte,  schwächer
rollte,  und  der  Geist,  nun  ihn  die  Furien  verliessen,
aufathmend  um  sich  schaute.  Wie  die  drohenden
Stimmen  und  die  verfolgenden  Schritte  verhallten,
zog  Frieden  in  seine  erschöpfte  Seele  ein.  Er
sehnte  sich  nicht  mehr  nach  dem  entfernten  Zauberlande, ­
  da  er  die  schönste  Natur,  eine  versöhnte
Mutter,  um  sich  her  blühen  sah.  Wie  er  im  Leben
das  Kind  geschiedener,  durch  unvereinbaren  Zwiespalt ­
  entfremdeter  Eltern  war,  so  hatte  er  auch
in  seinem  weiteren  Kreise  sich  niemals  des  gemeinsamen ­
  liebenden  Schutzes  von  Geist  und  Natur
erfreuen  können.  Mit  bewundernswerther  Kraft
hatte  er  gegen  diesen  Fluch  des  Schicksals  gekämpft ­
  und  wohl  verdient,  als  ein  Genesener  in
das  Geisterreich  des  Jenseits  hinüberzugehen.

RICARDA  HUCH
©

Für  die  Redaktion  verantwortlich:  E.  A.  Seemann,  Leipzig.
Druck  von  Emst  Hedrich  Nachf.,  Leipzig.
            
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