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MAK

Full text : Jahrgang 2 (1899) (Heft 3)

nicht  vom  Winde;  das  Haar  flatterte  auch  nach
rückwärts.  Nur  der  Hauch  ihres  eigenen  Tanzes
in  all'  dieser  Bewegung,  sonst  kein  Atemzug.
Ein  toter  Raum,  eine  seltsame  Versteinerung  in
dem  weissen  Rund  des  Marmors,  in  dem  die  weichen ­
  Linien  einsanken  und  sich  verloren.  Ihre  sich
leicht  zurückneigenden  Köpfe  betäubt  wie  in  Berauschung. ­

Leonzino  hatte  nie  etwas  Ähnliches  gesehen
oder  geahnt,  einmal  ums  andre  umkreiste  er  sein
Kleinod  und  sah  es  an  und  war  froher,  als  er  sich
je  gefühlt.  Nun  musste  er  es  oben  bei  sich  in
Bellosguardo  haben  und  es  ansehen,  ansehen,  es
dünkte  ihm,  fast  sein  ganzes  Leben  lang.
Er  sandte  Boten  hinauf  zu  sich  nach  Hause,
man  möge  die  weissen  Ochsen  lösen,  die  den
Springbrunnen  trieben,  ihnen  ihr  schönstes  purpurgemaltes ­
  Joch  anlegen  und  sie  vor  den  besten
Wagen  spannen,  um  seine  Urne  zu  holen,  und
indes  er  wartete,  war  er  in  liebevoller  Arbeit  bestrebt, ­
  die  allerletzten  kleinen  verwischenden  Spuren ­
  der  jahrhundertelangen  Ruhe  im  Erdreich  zu
beseitigen.  Das  Gefährt  kam,  er  liess  es  beladen,
und  ging  selbst  zur  Seite,  um  darüber  zu  wachen.
An  der  Pforte  von  Gentiles  Garten,  von  wo
er  einen  Schimmer  der  Stadt  sah  und  an  all'  die
Menschen  dachte,  denen  er  begegnen  würde,
brach  er  lange  lichte  Zweige  von  den  lenzbelaubten ­
  Pappeln  und  schwarze  Cypresse  und  wand  sie
Zu  Kränzen  um  die  Hörner  der  Zugtiere,  weil  sie
den  Fund  vom  Totenreich  wieder  ans  Licht  brachten. ­
  Leute  blieben  stehen  und  sahen  ihn  an  und
lachten  verwundert,  doch  er  achtete  nicht  darauf.
Der  Weg  ging  zwischen  Mauern,  gekrönt  von
dem  bläulichen  Laub  der  Weinranken  unter  dem
bebenden  Blau  des  Himmels.  Die  Ochsen  hoben
bedächtig  ihre  Füsse  aus  dem  feuchten  Boden
und  machten  an  den  Hügeln  Halt,  um  zu  rasten,
langsam  ihre  bekränzten  Häupter  wendend.  Leonzino ­
  wartete  jedesmal  geduldig,  den  Blick  gebannt
von  seiner  weissen  Urne  und  dem  Spiel  des  warmen ­
  Sonnenscheins  über  dem  Tanz  der  weiblichen
Gestalten.  Als  er  höher  hinaufkam,  sah  er  Florenz' ­
  Glockenturm  zwischen  den  Cypressen  und
die  Berge  dahinter;  noch  höher,  und  die  Weite
war  frei,  und  der  Arno  brannte  in  Sonne  mit
der  lichten  Stadt  um  sich,  umarmt  von  blauen
Hügeln,  denen  das  Laub  der  Oliven  ein  silbernes
Glitzern  gab,  und  die  wasserschwere  Luft  einen
Perlglanz  in  der  Ferne.

Leonzino  hatte  nie  seine  Stadt  so  gesehen,
und  nie  war  sie  ihm  so  teuer  gewesen.  Sie
hatte  etwas  von  der  Schönheit  und  Vergänglichkeit ­
  der  Blumen  über  sich,  und  wenn  er  an  die
Kirchen  dachte,  die  gebaut  wurden,  unter  langen
Mannesaltern,  immer  ein  Giebel  für  sich,  ein  Thor
für  sich,  mit  seiner  Spitzenausschmückung,  die
reife  Farbe  von  Sonne  und  Wind  bekam  und
verblassen  konnte,  bevor  das  nächste  ausgeführt
ward,  da  dünkten  sie  ihn  wie  Auen  und  Haine
von  Riesenbäumen,  deren  Schicksal  es  ist  emporzuschiessen
  und  sich  über  die  Wurzeln  der  Nachbarn ­
  auszubreiten,  und  zu  sterben  in  ewiger  Vergänglichkeit ­
  und  Wechsel.  Aber  die  Menschen,
die  sich  regten  und  arbeiteten  und  kämpften  und
hofften,  zwischen  diesen  blühenden  Ruinen,  für
die  hegte  er  eine  mitleidige  Liebe,  und  es  dünkte
ihn,  dass  er  für  allezeit  von  ihnen  fortzog,  mit
seinem  weissen  seltsamen  Schatz,  der  die  Lösung
von  allem  barg,  die  Befreiung  von  allem.
Nun  war  er  nahe  von  seinem  Heim,  nun  sah
er  rechts  Mont  Oliveto  mit  seinem  Kreise  von
schlanken  Cypressen  um  den  Rand  und  den  Cypressen ­
  in  der  Mitte,  die  sachte  ihre  schwarzen
Wipfel  unter  dem  Flüstern  des  Windes  zusammenneigten. ­
  Der  war  wie  der  Thron  des  Todes
selbst;  in  dem  Grase  des  Plateaus  wusste  er,
wuchsen  dicht  blassgelbe  Schwertlilien,  deren
Kelche  an  den  Spitzen  in  erdfarbenes  Schwarz
übergingen.  Wanderte  man  dort  rings  herum,
rings  herum,  schien  die  Stadt  so  ferne  zwischen
den  steingleichen  Stämmen  und  dem  harten  Sausen ­
  der  Bäume.  Doch  sein  Weg  ging  höher.  Da
lag  seine  weisse  Villa  und  leuchtete  in  Sonne
zwischen  dunklen  Ranken,  da  war  er  zu  Hause,
hinein  durch  das  Thor,  und  er  sah  mit  neuer
Freude,  wie  schön  sein  Garten  mit  Blüten  und
Blättern  dem  Neuangekommenen  entgegenlächeln
würde.
Es  liess  die  Urne  aufstellen,  auf  einer  Marmorplatte ­
  unter  einer  schwarzgrünen  Steineiche,  die
so  dicht  war,  dass  kein  Regen  durch  ihre  raschelnden ­
  Blätter  drang.  Dann  verweilte  er  einsam  mit
ihr,  liebkoste  sie  mit  dem  Blicke  und  den  Händen
und  sehnte  sich,  in  ihren  Sinn  einzudringen,  die
Musik  zu  dem  Tanze  der  Frauen  zu  vernehmen,
den  Stein  in  seiner  Umarmung  atmen  zu  fühlen.
Sowie  er  sich  unbeobachtet  wusste,  küsste  er  die
feinen  zurückgeneigten  Köpfe  der  Tänzerinnen,
und  da  er  Mitleid  empfand  mit  ihrer  frierenden
            
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