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MAK

Full text : Jahrgang 2 (1899) (Heft 5)

und  ein  furchtsamer  Zorn  erhob  sich  in  ihr
gegen  den  Mann,  der  so  gelassen  weiter
dozirte,  und  sie  begann  sich  grenzenlos
einsam  zu  fühlen.
„Lass  mich  allein,“  hauchte  sie.
Er  sah  sie  verwundert  an.  Doch  liess
er  ihr  den  Willen.  Sie  setzte  sich  zu  Füssen
einer  ragenden  Säule.  Ihr  Haupt  schmiegte
sie  daran,  die  Augen  verloren  ins  Weite,
die  Hand  rnit  dem  Hut  im  Schooss.  Es
überlief  sie;  sie  erhob  sich  mit  einer  schweren ­
  Mühseligkeit  und  kam  ihm  mit  müden
Schritten  nach,  der  inzwischen  gemessen,
gerechnet,  Eintragungen  in  sein  Notizbuch ­
  gemacht  und  nur  manchmal  einen
erstaunten  und  verständnisslosen  Blick
nach  ihr  entsendet.
Sie  kamen  ins  Haus  der  Bettier.  Alle
Erfindung,  welche  jene  Zeit  vermochte,
war  zum  Zierrath  aufgewendet  worden.
Ein  schmuckes,  kleines  Gärtchen.  Rundum ­
  sind  die  Bilder  der  Blumen  und  der
Ziergewächse,  die  der  Besitzer  zu  ziehen
liebte:  Epheu  in  Ringelformen,  Sternblumen, ­
  Rosen.  Und  die  Wärter  haben
sich  den  Scherz  gemacht,  in  den  Beeten
die  gleichen  Pflanzen  wachsen  zu  lassen,
an  denen  sich  der  reiche  Bettius  vor  mehr
denn  anderthalb  Jahrtausenden  ergötzte.
Das  wirkte  auf  sie  gespenstig  wie  nichts;
als  dränge  aus  Urmoder  ein  Blühen  an
den  Tag.  Sie  sah  die  Küche  sammt  dem
Herd,  der  eben  für  die  Mahlzeit  beschickt
worden  war.  Alles  wie  gestern.  Alles  wie
an  jenem  Tage,  da  unter  Blitzesflammen
und  einem  Grollen  aus  den  Tiefen  der
Erde  das  furchtbare  Unheil  hereingebrochen ­
  war,  ein  Vorbild  jenes  schrecklichen ­
  Unwetters,  das  bald  die  gesammte
antike  Kultur  in  jene  Tiefen  versenken
sollte,  in  denen  wir  immer  noch  nach  ihr
spähen  müssen,  froh  mit  jedem  Restchen,
das  wir  in's  Licht  bringen  können.
Sie  traten  in's  Freie.  Auf  die  kampanische
  Ebene  hinaus  führte  sie  der
Gatte.  Vorüber  an  Arbeitern,  die  vorsichtig ­
  mit  Schippe  und  Spaten  hantirten.
Ihr  Auge  leuchtete  auf,  da  sie  wieder
Menschen  sah.  Das  Land  war  begrünt.
Schafherden  weideten  darauf  und  machten

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mit  ihren  Schellen  ein  einförmiges  und
melancholisches  Geklingel.  Unter  ihnen
lag  die  tote  Stadt.  Als  hätte  der  Boden
nachgegeben,  auf  dem  man  sie  einmal  erbaut ­
  und  sie  sei  gesunken,  gleichförmig,
mit  einer  furchtbaren  Langsamkeit,  so  dass
nicht  eine  Zeile  der  Strassen  verrückt  ward,
und  die  Asche,  auf  der  sie  gestanden,  sei
langsam  und  gleichmässig  und  durch  jede
Fuge  nachgesickert,  Alles  ausfüllend  und
verbergend,  das  Leben  vernichtend  und  zugleich ­
  seine  Denkmale  vor  dem  Untergang
beschirmend.  Und  wie  die  junge  Frau
so  hinunter  blickte,  so  ward  ihr,  als  sähe
sie  unmerklich  und  dennoch  ganz  bestimmt,
wie  sich  dieser  Prozess  immer  noch  fortsetzte, ­
  als  wolle  die  Erde  ihr  Geheimniss,
das  man  ihr  so  spät  entrissen,  wieder  den
Augen  der  Neugierigen  entziehen,  die  es
beguckten.  Ein  körperlicher  Schwindel
überfiel  sie  dabei.  Sie  that  einen  kleinen
Schrei  und  taumelte,  und  griff  nach  dem
Arm  ihres  Mannes.
„Was  ist  Dir?“  Er  sah  besorgt  in
ihr  sehr  blasses  Gesicht.
Sie  schüttelte  den  Kopf.  Trotzig  und
hilflos  kniff  sie  die  Lippen  zusammen.  Sie
liess  sich  nieder  und  schlang  die  Arme  um
ihre  Kniee;  unverwandt  starrte  sie  in  die
tote  Stadt,  in  dies  Gewirr  grauer  Mauern,
über  das  die  Säulen  stiegen.
„Was  siehst  Du?“
Sie  schwieg.  Nur  ein  leises  Zucken
der  feinen  Schultern.
„Willst  Du  nicht  sprechen?“  Er  zog
sie  an  sich.  Sie  aber  sah  ihn  mit  einem  fast
feindseligen  Blick  an,  den  er  noch  niemals
an  ihr  gewahrt,  und  duckte  sich  in  sich.
So  verstummten  Beide  und  in  die  Stille
hinein  klang  fern  und  näher  das  Geklingel
der  Schafe  oder  das  Flügelschwirren  einer
einsamen  Krähe,  die  über  ihren  Häuptern
der  toten  und  versunkenen  Stadt  zu  flatterte ­
  mit  schwerem  Fittig.
Die  junge  Frau  athmete  beklommen.
Und  plötzlich,  wie  in  einem  Schrei
begann  sie:  „Es  ist  schrecklich.  Eine
Pein  ist  .  .  .“
„Was  denn?“  Er  neigte  sich  zu  ihr.

BUCHSCHMUCK
VON
PAUL  ROLLER.
            
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