und ein furchtsamer Zorn erhob sich in ihr
gegen den Mann, der so gelassen weiter
dozirte, und sie begann sich grenzenlos
einsam zu fühlen.
„Lass mich allein,“ hauchte sie.
Er sah sie verwundert an. Doch liess
er ihr den Willen. Sie setzte sich zu Füssen
einer ragenden Säule. Ihr Haupt schmiegte
sie daran, die Augen verloren ins Weite,
die Hand rnit dem Hut im Schooss. Es
überlief sie; sie erhob sich mit einer schweren
Mühseligkeit und kam ihm mit müden
Schritten nach, der inzwischen gemessen,
gerechnet, Eintragungen in sein Notizbuch
gemacht und nur manchmal einen
erstaunten und verständnisslosen Blick
nach ihr entsendet.
Sie kamen ins Haus der Bettier. Alle
Erfindung, welche jene Zeit vermochte,
war zum Zierrath aufgewendet worden.
Ein schmuckes, kleines Gärtchen. Rundum
sind die Bilder der Blumen und der
Ziergewächse, die der Besitzer zu ziehen
liebte: Epheu in Ringelformen, Sternblumen,
Rosen. Und die Wärter haben
sich den Scherz gemacht, in den Beeten
die gleichen Pflanzen wachsen zu lassen,
an denen sich der reiche Bettius vor mehr
denn anderthalb Jahrtausenden ergötzte.
Das wirkte auf sie gespenstig wie nichts;
als dränge aus Urmoder ein Blühen an
den Tag. Sie sah die Küche sammt dem
Herd, der eben für die Mahlzeit beschickt
worden war. Alles wie gestern. Alles wie
an jenem Tage, da unter Blitzesflammen
und einem Grollen aus den Tiefen der
Erde das furchtbare Unheil hereingebrochen
war, ein Vorbild jenes schrecklichen
Unwetters, das bald die gesammte
antike Kultur in jene Tiefen versenken
sollte, in denen wir immer noch nach ihr
spähen müssen, froh mit jedem Restchen,
das wir in's Licht bringen können.
Sie traten in's Freie. Auf die kampanische
Ebene hinaus führte sie der
Gatte. Vorüber an Arbeitern, die vorsichtig
mit Schippe und Spaten hantirten.
Ihr Auge leuchtete auf, da sie wieder
Menschen sah. Das Land war begrünt.
Schafherden weideten darauf und machten
«0
ytf
1/
r
p
%
wf
Ä \
Ä
$
%
m
L
c
m
I»
AK
w
M
1
Wk
mit ihren Schellen ein einförmiges und
melancholisches Geklingel. Unter ihnen
lag die tote Stadt. Als hätte der Boden
nachgegeben, auf dem man sie einmal erbaut
und sie sei gesunken, gleichförmig,
mit einer furchtbaren Langsamkeit, so dass
nicht eine Zeile der Strassen verrückt ward,
und die Asche, auf der sie gestanden, sei
langsam und gleichmässig und durch jede
Fuge nachgesickert, Alles ausfüllend und
verbergend, das Leben vernichtend und zugleich
seine Denkmale vor dem Untergang
beschirmend. Und wie die junge Frau
so hinunter blickte, so ward ihr, als sähe
sie unmerklich und dennoch ganz bestimmt,
wie sich dieser Prozess immer noch fortsetzte,
als wolle die Erde ihr Geheimniss,
das man ihr so spät entrissen, wieder den
Augen der Neugierigen entziehen, die es
beguckten. Ein körperlicher Schwindel
überfiel sie dabei. Sie that einen kleinen
Schrei und taumelte, und griff nach dem
Arm ihres Mannes.
„Was ist Dir?“ Er sah besorgt in
ihr sehr blasses Gesicht.
Sie schüttelte den Kopf. Trotzig und
hilflos kniff sie die Lippen zusammen. Sie
liess sich nieder und schlang die Arme um
ihre Kniee; unverwandt starrte sie in die
tote Stadt, in dies Gewirr grauer Mauern,
über das die Säulen stiegen.
„Was siehst Du?“
Sie schwieg. Nur ein leises Zucken
der feinen Schultern.
„Willst Du nicht sprechen?“ Er zog
sie an sich. Sie aber sah ihn mit einem fast
feindseligen Blick an, den er noch niemals
an ihr gewahrt, und duckte sich in sich.
So verstummten Beide und in die Stille
hinein klang fern und näher das Geklingel
der Schafe oder das Flügelschwirren einer
einsamen Krähe, die über ihren Häuptern
der toten und versunkenen Stadt zu flatterte
mit schwerem Fittig.
Die junge Frau athmete beklommen.
Und plötzlich, wie in einem Schrei
begann sie: „Es ist schrecklich. Eine
Pein ist . . .“
„Was denn?“ Er neigte sich zu ihr.
BUCHSCHMUCK
VON
PAUL ROLLER.