JOHANN
V. KRÄMER.
STUDIEN
ZUR KREUZ
ABNAHME.
len, wo euch Langeweile
quälte. Ihr werdet reich
sein, wie es die Könige nicht
sind, und Liebe nehmen
und geben.”
So wird man zu ihnen
sagen müssen, die ein Bild
betrachten wollen, weil sie
kein Kunstwerk erleben
können. Es hilft nichts,
dass wir sie vor ein Ge
mälde zerren und ihnen die
Schönheit der Farben und
Linien ERKLÄREN. Da
ist nichts zu erklären, und
unsere Worte werden höch
stens Klugschwätzer aus
ihnen machen. Farben und
Linien wollen nur die
Seele des Bildes wirken.
Wer die nicht erlebt,
dem bleiben sie tot trotz
aller schönen Worte. Wem aber diese Seele zum
Wunder wird, dem werden sie wirken, ob er sie
im Einzelnen gar nicht erkennt. Das Werk will
nur den einen Klang. Und wer in diesem Klang
fröhlich geworden ist, den kann kein einzelner
Ton freudiger machen.
Die Einzelheiten werden ihn nicht zu dem
Werk, nur zu dem Künstler führen. Sie werden
ihn den Mann bewundern lassen, der so sicher
sieben Farben dahinsetzte und glauben machte,
es sei ein ganzer Regenbogen.
Und wenn sie vor Ludwig Richter bleiben
und nicht zu Böcklin kommen wollen, sollen wir
sie da lassen. Ihre Seelen sind nur auf jene
Wunder gestimmt. Selbst wenn es gezerrte Ge
spreiztheiten sind wie Wandmalereien in König
lichen Museen und noch schlimmere Trivialitäten,
vor denen sie sich wiederfinden: es hilft nichts,
dass wir sie fortzerren. Es giebt keinen so
schlimmen Maler, dass er nicht noch schlimmere
Bewunderer fände. Und wer erst bewundert, ist
schliesslich vor dem schlimmsten, dem Klugreden
gerettet. Wer mehr in sich hat, wird zu mehr
kommen. Und wenn nicht: immer noch besser,
dass einer ehrlich Quark bewundert, als dass er
für ein Rechtes Begeisterung heuchelt.
Das alles sage ich mir am Abend, wenn die
Lampe den Kopf heiss macht und die Welt mit
meinen Fensterscheiben aufhört. Aber wenn am
Morgen die Sonnenstrahlen das fernste Gewölk
röten, erscheint es mir eitel Flunkerei.
Die Menschen sind nicht mehr naiv. Alle,
die da in die Natur geschickt werden, haben
schon Bilder gesehen, sind mit Bildern gross ge
zogen. Sie haben nicht nur ihre Freude daran
gehabt, sie sind auch beeinflusst worden. Und
was sie als Schönheit in der Welt sehen und was
sie als Stimmung ergreift, das ist die Schönheit
und die Stimmung IHRER Bilder. Und weil wir
vor einer Generation stehen, die ihre Bildung in
einer Zeit nahm, wo man empfindsam war, statt
zu empfinden und „schönlich” statt schön, wo
man aus allem die falscheste Sentimentalität zog,
selbst aus den grossen Alten: wird sie der eigene
Hang immer abseits der Kunst führen.
Man sollte sie deshalb mit List und Gewalt
vor neue Kunstwerke schleifen, man sollte nicht
ruhen mit Hinweisen und Deutungen. Man sollte
grosse Bilder der alten Meister, Dichterworte und
Erlebnisse zum Vergleich heranholen. Um sie
gleichsam suggestiv zu zwingen, an die neue
Schönheit zu „GLAUBEN”. Und ob der Glaube
ein angenommener ist, vielleicht ergreift er sie
doch einmal. Vielleicht können sie überhaupt
nur ÜBERREDET werden und sind anders gar-
nicht zugänglich. Vielleicht springt eines Tages
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