CONRAD FERDINAND MEYER f.
. . . Und mit bebend-leisen Ruderschlägen
Treibt die Barke nun dem Strand entgegen.
„Sprich, wer bist Du, Fremdling, ernster Rufer?"
. . . „Charon, führe mich zum andern Ufer! . .
„Fährmann, rette mich vor diesen Scharen,
Diesen nahen, lichten, wunderbaren! . . ."
Und ringsum mit stummem Händefalten
Viele blasse, murmelnde Gestalten.
Helden, hohen Haupts, im Prunkgewande
Irren geisterhaft am Todesstrande.
„Kennst Du uns! Wir sind's, die Dich umlockten,
Da schon Deine frischen Pulse stockten . . .
Kennst Du uns? Wir sind es, die Dich riefen,
Dir zur Pein entstiegen aus den Tiefen . . .
Winkend mit dem Glanz der jungen Mienen,
Sind wir Deinem Greisen-Traum erschienen . . .
Blut begehrten wir zum Weiterschreiten,
Wie die Träume Deiner guten Zeiten . . .
Und entflammt ob Deiner Kraft Versagen,
Haben wir Dich selbst aufs Haupt geschlagen.
Ehe wir zum Acheron gesunken,
Haben wir des Meisters Blut getrunken . . ."
„Fährmann, rette mich vor diesen Scharen,
Die des müden Künstlers Mörder waren.
Dort — am andern Ufer — welch' Gedränge.
Horch! Musik! Schwermütige Gesänge . . ."
„Meister, Dich begrüssen wir mit Neigen,
Und wir laden Dich in unsern Reigen.
Die Gestalten, Deine leuchtend-grossen,
Denen Du den Dolch in's Herz gestossen.
Meister, sieh: Peskara's bleiche Wange . . .
Angela mit dem beseelten Gange.
Und'Jenatsch auf dem Gletscherfirne
Und der Mönch mit seiner tollen Dirne.
Hutten, der sich noch im Tode streckte . . .
. . . Alle, die ich je zum Tode weckte,
Die ich sterben hiess in heitern Welten,
Grüssen den durch Geisteshand Gefällten.
Lass sie nicht, die schon so lange harrten,
Charon länger auf den Bruder warten . . ."
Und stromüber zu Unendlichkeiten
Lässt der Fährmann seine Barke gleiten.
PAUL WERTHEIMER.
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