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MAK

Full text : Jahrgang 2 (1899) (Heft 6)

LIRA.
EINE  KÜNSTLER-ODYSSEE
von  PAUL  SCHEERBART.
»Meinet*  grossen  Datty  Servaes.«

I.

W ie  lachende  Kinder  schaukelten
die  Wellen  auf  der  grossen  See.
Der  Himmel  war  dunkelblau.
Das  Wasser  war  dunkelblau.
Lika  sass  in  einer  feinen  weissen  Porzellanschale,
deren  Rand  so  kraus  war,  wie  ein  Halskragen  der
Maria  Stuart.
Die  ziemlich  flache  runde  Schale  zeigte  im
Innern  krause  Linien  -—  mattbraune,  die  sich  zierlich ­
  verschnörkelten,  wie  altindische  Schrift.
Und  ein  orangefarbiger  Sonnenschirm  schützte
die  Lika  vor  den  Strahlen  der  Sonne.
Der  Schirmstock  stak  in  der  Mitte  der  Porzellanschale. ­

Das  orangefarbige  Schirmdach  war  aus  Seide
—  nicht  gebogen,  sondern  grad  und  steif  wie  ein
Schirm  aus  dem  Lande  der  Chinesen.
Lika  wusste  nicht  recht,  was  sie  denken  sollte.
Jedoch  da  tauchte  plötzlich  neben  ihr  im  blauen
Meerwasser  ein  dicker  Triton  empor  und  fragte,

nachdem  er  sich  das  Wasser  aus  den  Augen  gewischt ­
  hatte:
„Nun,  Lika,  wohin  willst  Du?”
Lika  besann  sich  auf  Worte,  doch  sie  merkte,
dass  sie  fast  alle  Worte  vergessen  hatte.
Nur  ein  Wort  fiel  ihr  wieder  deutlich  ein  —
das  Wort  „Heimath”.
Und  Lika  rief  laut:
„Du,  ich  möcht'  in  die  Heimath!”
Der  Triton  fragte  wieder:
„Was  willst  Du  denn  da?”
„Das  Glück!”
Der  Lika  war  dieses  zweite  grosse  Wort  ganz
unwillkürlich  in  den  Mund  gesprungen.
Jetzt  merkte  sie  erst,  was  sie  gesagt  hatte,  und
sie  lächelte  darüber.
Der  Triton  aber  meinte:
„Gut,  so  wollen  wir  die  Heimath  mit  Deinem
Glück  suchen  —  nicht  wahr,  Lika?”
„Ja!”  sprach  sie.

RUDOLF
JETTMAR.
            
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