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MAK

Full text : Jahrgang 2 (1899) (Heft 6)

Darauf  schwamm  der  Triton  —  die  Porzellanschale ­
  mit  der  Lika  vor  sich  herschiebend  —  gradaus.
Die  Lika  liess  sich  das  gern  gefallen.
II.
Als  sie  nun  so  eine  gute  Strecke  gefahren
waren,  sahen  sie  einen  kleinen  Thurm  am  Horizonte.
Die  Lika  frug:
„Was  ist  denn  das  da?”
Und  der  Triton  sagte  Wasser  prustend:
„Das  ist  ein  Leuchtthurm!”
Als  sie  ziemlich  nahe  daran  waren,  beugte  sich
ein  riesiges  Sprachrohr  vom  Thurme  hinunter,  und
die  beiden  Kinder  des  Meeres  hörten  eine  laute
Stimme  —  die  frug  dumpf:
„Wer  bist  Du?”
Der  Triton  versetzte  mit  schallendem  Gelächter:
„Ich  bin  doch  der  Triton  —  der  fidele  Triton!”
„Wen  aber  hast  Du,”  kam's  nun  wieder  aus
dem  Sprachrohr,  „in  der  Porzellanschale?”
„Das  ist  doch,”  gab  da  der  Triton  zurück,
„die  kleine  Lika  —  die  will  wissen,  wo  ihre  Heimath
  ist  und  ihr  Glück.”
„Ist  das  Kind  sehr  klug?”
Also  hörten  anitzo  die  Beiden  fragen,  und  die
Lika  gab  zur  Antwort:
„Ich  hab's  gamicht  nöthig,  sehr  klug  zu  sein,
wenn  blos  mein  Triton  sehr  klug  ist.”
Langes  Schweigen.
Dann  aber  brummte  es  im  Sprachrohr:
„Die  Lika  ist  thatsächlich  das  klügste  Kind
der  Welt.  Ihr  könnt  in  den  Hafen  fahren.”
Da  klatschte  die  Lika  vergnügt  in  die  Hände
und  that  ganz  stolz.
Der  Triton  jedoch  brüllte  laut:
„Blase  die  Zwerge  zusammen!  Blase!  Blase!”
Und  es  geschah.
Im  nächsten  Augenblick  fingen  tausend  Blasen
auf  den  Molen  und  am  Ufer  zu  blasen  an.
Das  Blasen  erschütterte  die  ganze  Luft,  so  dass
sich  die  Lika  ihre  beiden  kleinen  Ohren  mit  den
Zeigefingern  zuhalten  musste.
III.
Die  Zwerge  kamen  eiligst  herbei.
Die  Lika  fuhr  mit  ihrem  Triton  in  den  Hafen
und  ward  dort  von  den  Zwergen  herzlich  begrüsst;
sie  schwenkten  mit  ihren  riesigen  gelben  Strohhüten ­
  fröhlich  in  der  Luft  herum.
Und  dann  setzte  sich  der  Triton  mit  seinen  Fischbeinen ­
  bei  der  Feuerschänke  auf  den  Hafenrand.

Der  fidele  Triton  trank  ein  paar  Eimer  Jammerschnaps ­
  und  erklärte  den  Zweck  seines  Besuchs
—  er  liess  sich  dabei  gemüthlich  von  den  Zwergen
das  Kreuz  reiben.
Die  Zwerge  rauchten  fast  sämmtlich  gute  Cigarren ­
  und  sahen  in  ihren  buntdurchwebten  Schlafröcken ­
  ausserordentlich  gutmüthig  aus,  obgleich
sie  sich  eigentlich  nicht  wenig  einbildeten,  denn
sie  waren  Maler  —  echte  Künstler  —  und  wussten
das  sehr  genau.
Wie  daher  der  Triton  beim  zehnten  Eimer
fragte:  „Wo  ist  das  Glück?”  —  riefen  alle  Zwerge
sofort:
„Wo  man  Tag  und  Nacht  Künstler  sein  kann.”
Und  als  der  Triton  beim  zwölften  Eimer  fragte:
„Wo  ist  die  Heimath?”—  riefen  die  Zwerge  abermals:
„Wo  man  Tag  und  Nacht  Künstler  sein  kann.”
Die  Lika  unter  ihrem  orangefarbigen  Sonnenschirm ­
  graute  sich  hinter  den  Ohren,  kniff  dem
Triton  in  die  Schuppen  des  linken  Fischbeins  und
sagte:
„Na,  dann  wollen  wir  nur  das  Land  suchen.”
Die  Zwerge  thaten  sehr  erstaunt,  und  ein  Dickkopf ­
  meinte:
„Lika,  eigentlich  hätte  ich  Dich  für  klüger
gehalten.”
Der  Triton  lachte,  Lika  verstand  das  aber  nicht.
Und  so  verabschiedeten  sich  die  beiden  Kinder
des  Meeres,  denn  die  Lika  hatte  es  furchtbar  eilig.
Die  Zwerge  bedauerten,  dass  der  Besuch  so
kurz  bemessen  gewesen  sei,  Hessen  wieder  alle
Blasen  blasen,  dass  die  Molen  bebten  —  und  dabei
fuhr  die  Lika  mit  ihrem  Triton  am  Leuchtthurm
vorbei  wieder  in's  Meer  hinaus,  allwo  es  etwas
dunkler  wurde.
IV.
Es  war  Nacht.
Die  Sterne  gingen  auf  und  der  grosse  Mond.
Der  grosse  Mond  beleuchtete  das  grosse  Meer,  und
die  Lika  freute  sich  an  dem  blitzenden  Wellenglanz.
Der  Triton  lenkte  die  Porzellanschale  allmählich ­
  einem  anderen  Lande  zu;  einem  grünen  Lichte,
das  nur  schwach  am  Horizonte  vorschimmerte,  kam
er  langsam  näher.
Die  Lika  machte  den  Sonnenschirm  zu,  bog
den  Stock  nach  vom,  so  dass  die  Spitze  sich  auf
den  krausen  Rand  der  Schale  legte,  und  schlief
ein  bischen  ein.
Als  sie  wieder  erwachte,  sah  sie  vor  sich  ein
grosses  schwarzes  Gebirge.
            
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