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MAK

Full text : Jahrgang 2 (1899) (Heft 6)

als  man  will  .  *  .  Und  das  Unglück  verliert  sich
in  Einzelheiten  ...  Wenn  ich  aber  allein  komme
...  gleich  hei  den  ersten  Worten  ...  so  wie  ich  sie
kenne  .  .  .  das  wäre  zu  schrecklich!  Gott  weiss,
was  geschehen  würde  ...  Wenn  wir  aber  abwechselnd ­
  sprechen,  hören  sie,  was  wir  sagen,  und  vergessen ­
  darüber,  der  schlimmen  Botschaft  in's  Gesicht
zu  sehen  .  .  .  Bedenkt,  dass  die  Mutter  dabei  ist,
und  dass  ihr  Leben  an  so  wenig  hängt  ...  Es  ist
gut,  wenn  die  erste  Woge  sich  an  ein  paar  unnützen
Worten  bricht  .  .  .  Man  muss  in  Gegenwart  von
Unglücklichen  sprechen  und  sie  nicht  allein
lassen.  Der  gleichgiltigste  Mensch  nimmt  ihnen
etwas  von  ihrem  Schmerze  ab,  ohne  es  zu  wissen  .  .  .
Auf  diese  Weise  vertheilt  er  sich  ohne  viel  Lärm,
ohne  Mühe,  wie  Luft  und  Licht  .  .  .
DER  FREMDE:  Eure  Kleider  sind  nass  und
tropfen  auf  die  Steine.
DER  ALTE:  Es  ist  nur  der  Saum  meines  Mantels ­
  nass  geworden  ...  Ihr  scheint  zu  frieren.  Auf
Eurer  Brust  ist  Erde  ...  Ich  hatte  das  auf  der
Strasse  nicht  bemerkt;  es  war  so  dunkel  .  .  .
'  DER  FREMDE:  Ich  bin  bis  an  die  Hüften
in’s  Wasser  gegangen.
DER  ALTE:  Hattet  Ihr  sie  schon  lange  gefunden, ­
  als  ich  dazu  kam?
DER  FREMDE:  Kaum  ein  paar  Augenblicke.
Ich  ging  auf  das  Dorf  zu;  es  war  schon  spät  und
dunkelte  am  Ufer.  Ich  hatte  die  Augen  auf  den
Fluss  geheftet,  denn  es  war  dort  heller  als  auf  dem
Wege;  da  plötzlich  sah  ich  etwas  Sonderbares,
zwei  Schritt  von  einem  Schilfbüschel  .  .  .  Ich  gehe
darauf  zu  und  sehe  —  ihr  Haar,  das  sich  über  dem
Kopfe  fast  kreisförmig  vertheilt  hatte  und  im  Wirbel ­
  des  Flusses  sich  drehte  .  .  .
(Die  beiden  jungen  Mädchen  im  Zimmer  wenden  den
Kopf  nach  dem  Fenster.)
DER  ALTE:  Saht  Ihr,  wie  das  Haar  auf  den
Schultern  ihrer  Schwestern  zitterte?
DER  FREMDE:  Sie  haben  den  Kopf  hierher
gedreht  .  .  .  Sie  haben  einfach  den  Kopf  gedreht.
Ich  habe  vielleicht  zu  laut  gesprochen.  (Die  jungen
Mädchen  nehmen  die  alte  Haltung  wieder  ein.)  Aber  schon
sehen  sie  nicht  mehr  her  .  .  .  Ich  bin  bis  an  den
Gürtel  in's  Wasser  gegangen,  und  habe  sie  bei  der
Hand  genommen  und  ohne  Mühe  an's  Ufer  gezogen ­
  ...  Sie  war  so  schön,  wie  ihre  Schwestern  ...
DER  ALTE:  Sie  war  vielleicht  noch  schöner  ...
Ich  weiss  nicht,  ich  habe  allen  Muth  verloren...
DER  FREMDE:  Welchen  Muth  meint  Ihr?

Wir  haben  doch  alles  gethan,  was  ein  Mensch
thun  konnte  .  .  .  Sie  war  seit  mehr  als  einer
Stunde  todt.  .  .
DER  ALTE:  Und  lebte  doch  noch  diesen  Morgen! ­
  Ich  begegnete  ihr,  als  sie  aus  der  Kirche
kam  .  .  .  Sie  sagte  mir,  sie  ginge  fort;  sie
wollte  zu  ihrer  Grossmutter  auf  der  andern  Seite
des  Flusses,  an  dem  Ihr  sie  gefunden  habt.  Sie
wusste  nicht,  wann  ich  sie  Wiedersehen  würde  .  .  .
Sie  muss  im  Begriff  gewesen  sein,  mir  etwas  zu
sagen;  dann  aber  hat  sie  es  nicht  gewagt  und
hat  mich  plötzlich  stehen  lassen.  Aber  nun  denke
ich  daran.  Und  ich  hatte  doch  nichts  gesehen!
Sie  lächelte,  wie  man  lächelt,  wenn  man  schweigen
will,  oder  wenn  man  fürchtet,  nicht  verstanden  zu
werden  ...  Sie  schien  kaum  noch  zu  hoffen  .  .  .
Ihre  Augen  waren  nicht  klar  und  blickten  an  mir
vorbei  .  .  .
DER  FREMDE:  Die  Bauern  sagten  mir,  sie
hätten  sie  bis  zum  Abend  am  Ufer  herumirren
sehen  .  .  .  Sie  glaubten,  sie  suchte  Blumen  .  .  .
Vielleicht  war  ihr  Tod  .  .  .
DER  ALTE:  Das  weiss  man  nicht  .  .  .  Und
was  weiss  man  denn  überhaupt!  Sie  gehörte  vielleicht ­
  zu  Denen,  die  nichts  sagen  wollen,  und  jeder
trägt  in  seiner  Brust  mehr  als  einen  Grund,  nicht
mehr  zu  leben  ...  Man  sieht  in  die  Seelen  nicht
hinein,  wie  man  in  dieses  Zimmer  sieht.  Sie  sind
alle  so  .  .  .  Sie  reden  von  oberflächlichen  Dingen,
und  niemand  ahnt  etwas  .  .  .  Man  lebt  Monate
lang  mit  Einem,  der  nicht  mehr  zu  dieser  Welt
gehört,  und  dessen  Seele  sich  nicht  mehr  herabneigen
  kann;  man  spricht  mit  ihm,  ohne  daran
zu  denken:  und  Ihr  seht,  was  dann  die  Folge  ist.
Sie  sehen  aus  wie  leblose  Puppen,  und  in  ihrer
Seele  geht  doch  so  viel  vor  ...  Sie  wissen  selbst
nicht,  was  sie  sind  ...  Sie  hätte  gelebt,  wie  die
andern  alle  ...  Sie  hätte  bis  zu  ihrem  Tode  gesagt:
  „Mein  Herr,  es  wird  heute  Vormittag  regnen ­
  oder:  „Wir  wollen  frühstücken;  wir  werden
heute  dreizehn  bei  Tische  sein",  oder  auch:  „Das
Obst  ist  noch  nicht  reif".  Sie  sprechen  lächelnd
von  den  abgefallenen  Blüthen  und  weinen  im
Dunkeln  .  .  .  Selbst  ein  Engel  könnte  nicht  sehen,
was  man  sehen  muss;  und  der  Mensch  begreift
erst,  wenn  es  zu  spät  ist  .  .  .  Gestern  Abend  sass
sie  da  bei  der  Lampe,  wie  ihre  Schwestern,  und
Ihr  würdet  sie  nicht  sehen,  wie  man  sie  sehen  muss,
wenn  Das  nicht  geschehen  wäre.  Es  muss  zum
gewöhnlichen  Leben  etwas  hinzu  treten,  damit  man
            
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