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MAK

Full text : Jahrgang 2 (1899) (Heft 8)

breitet  hat.  Die  gleichfalls  auf  uralter  Ueberlieferung
  fassende,  ins  griechische  Alterthum  zurückreichende ­
  jonische  Baukunst  ist  erst  nach  den
Perserkriegen  im  eigentlichen  Griechenlande  wieder
stärker  hervorgetreten,  hat  dann  allerdings,  besonders ­
  in  seiner  korinthischen  Weiterentfaltung,  den
Dorismus  fast  völlig  verdrängt.  Ich  sehe  auch  in
den  athenischen  Bauten  der  perikleischen  Zeit
keine  zufällige  Mischung  der  beiden  Stile,  sondern
Zeugen  des  heftigen  Ringens  zweier  grosser  Strömungen. ­
  Ueberhaupt  müssen  wir  uns  die  griechischen ­
  Stile  durchaus  als  kein  solches  Nebeneinander
vorstellen,  wie  uns  die  Schulbücher  lehren,  sondern
als  Ergebniss  nacheinander  auf  tretender  Wandlungen
der  Gesammtbildung,  die  sich  allerdings  an  einem
Orte  früher,  am  anderen  später  geltend  machten
und  an  einigen  wohl  auch  nie  ausschliesslich  zur
Herrschaft  gelangten.
Die  sogenannte  klassische  Zeit  der  Griechen
ist  in  gewissem  Sinne  eine  Renaissance  der  mykenischen,
  deren  strahlender  Verkünder  Homer
war,  an  welchen  sich  wieder  die  grossen  Dramatiker ­
  schlossen.  Dieser  Zeit  ist  nicht  mehr  die
grosse  einige  Masse,  in  der  das  Einzelnwesen  nur
lyrisch  hindämmert,  das  Ideal,  sondern  das  Individuum ­
  in  seiner  vollsten  Entfaltung.  Im  jonischen
Stile  beginnen  bereits  die  einzelnen  Glieder,  Säule,
Sims,  Giebel  und  deren  Untertheile,  ihr  ideelles
Sonderleben  zu  führen;  doch  liegt  Alles  gewissermassen
  noch  unter  einer  schützenden  Hülle.  Wann
und  wo  man  es  zum  ersten  Mal  wagte,  diese  Hülle
fallen  zu  lassen  und  den  Organismus  sozusagen
in  seiner  Nacktheit  zu  zeigen,  ist  mir  noch  nicht
klar  geworden;  jedenfalls  zeigen  sich  Bauten  der
Kaiserzeit  vielfach  in  dieser  entschleierten  Wahrheit. ­
  Es  ist  die  Zeit  der  Rustika,  die  in  der
Renaissance  ihr  Wiedererstehen  feierte.
Erst  die  späte  Antike  legt  wieder  farbenprächtige ­
  Mosaik-  und  Marmorgewänder  um  die  gewaltigen ­
  Mauercolosse,  die  uns  heute  nur  als  Ruinen
ihren  Aufbau  deutlich  verrathen.  Von  da  an  bis
zur  Renaissance  herrscht  eine  Kunstperiode,  deren
Wandlungen  gering  sind  im  Vergleich  zu  dem,
was  sie  einigt.  —
Es  ist  nothwendig,  sich  diese  grosse  Entwicklung
in  der  Vergangenheit  klar  zu  machen,  wenn  man  sich
heute,  wo  beide  Richtungen  wieder  wirksam  sind
und  einander  bekämpfen,  zurechtfinden  will.  ^
Cornelius  Gurlitt  meinte  einmal,  das  Schwierigste
in  der  Architektur  wäre  das  Finden  eines  neuen

Grundrisses.  Nun,  fast  alle  grossen  Baumeister
unseres  Jahrhunderts,  besonders  auch  Semper  und
unsere  Wiener  haben  den  neuen,  grossen  Aufgaben
entsprechend  auch  neue  Grundrisse  geschaffen,  und
es  wäre  nicht  schwer,  den  gemeinsamen  Grundzug
bei  Allen  festzustellen.  Aber  die  Formensprache,
die  sie  gebrauchen,  stimmt  zu  den  grossen  Grundrissgedanken ­
  meist  gar  nicht  —  wie  sie  nach
meiner  Ueberzeugung  auch  in  hellenistischer  und
frührömischer  Zeit  vielfach  nicht  passte.  Rom
muss,  nach  den  Ruinen  zu  schliessen,  eine  Fülle
geschmackloser  Bauwerke  in  seinen  Mauern  geborgen ­
  haben.  Seien  wir  nur  auch  darin  unbefangen!
Doch  zurück  zu  unserer  Zeit!
Die  üblichen  Renaissanceformen  wollen  sich  in
ihrer  engen  Geschlossenheit  schon  am  wenigsten  in
unsere  reichbewegten  Grundrisse  fügen.  Die  Barocke
kann  mit  ihrer  Bravour  in  unserer  kühleren  Zeit
unmöglich  echt  sein,  wie  auch  die  mittelalterlichen
Stile  entweder  theaterhaft  oder  öde  ausfallen.
Otto  Wagner,  der  Führer  der  neuen  Bewegung,
ist  aus  der  Renaissance-Richtung  hervorgegangen,
aber  er  hat  sich  von  ihren  Reizen  nicht  bethören
lassen,  etwa  wie  ein  italienischer  Redner,  der  nur
der  klangvollen  Worte  halber  spricht.  Wenn  man
sich  an  die  Formen  der  Renaissance  hält,  wo  jedes
Glied  sein  eigenes  Recht  beansprucht,  so  muss  man
die  einzelnen  Theile,  damit  sie  innerlich  wahr
sind,  ihrer  besonderen  Aufgabe  und  ihrem  Materiale
gemäss  ausgestalten  oder  letzteres  wenigstens  entsprechend ­
  wählen.  Daher  wirft  Wagner  einen
grossen  Theil  der  überlieferten  Formen  als  heute
nichtssagend  bei  Seite  und  gewöhnt  so  früh  sich
und  Andere,  die  Schönheit  mehr  in  der  Linie,  als
in  der  Fülle  des  Zierrathes  Zu  sehen;  deshalb  bevorzugt ­
  er  auch  gerade  Formen  späterer  Epochen,
die  unserem  heutigen  Gefühle  näher  sind;  deshalb
schafft  er  bisweilen,  besonders  im  Eisenbaue,  auch
ganz  Neues,  das  sich  aber  als  künstlerisch  echt,
dem  Auge  nicht  aufdrängt.
Doch  dieses  Sichten  und  Neubilden  ist  nur  ein
Theil  von  Wagner's  Schaffen,  jener  Theil,  der
auf  den  Alten  fussend,  sozusagen  die  letzte  Folgerung ­
  aus  Renaissance  und  Klassicismus  zieht.
Lauter  Wahrheiten  aneinander  gereiht,  geben  vielleicht ­
  ein  gutes  Nachschlagebuch,  aber  kein  Kunstwerk. ­
  Aufgaben,  wie  sie  in  so  reicher  Entwicklung ­
  seit  gut  einem  Jahrtausend  nicht  da  waren,
verlangen  vor  allem  den  Ausdruck  des  grossen
Gesammtorganismus.
            
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