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und Absichten man damals gerade ängstlich forschte. 
Erst als sich dahinter ein armer Ideologe ent 
puppte, begann man seine Reformideen kühler zu 
beurtheilen, lächelte darüber und behielt von seinen 
Ausführungen nur den einen oder andern Ver 
gleich im Gedächtniss, der den Nagel gerade auf 
den Kopf getroffen hatte. Ein solcher kommt mir 
auch jetzt in den Sinn und es will mich bedünken, 
als wäre es von ihm kein grausamer Scherz, son 
dern eine bittere Wahrheit gewesen: die jetzige 
deutsche Jugenderziehung sei eine Art von beth- 
lehemitischem Kindermord. Bitter; denn, was sie 
mordet, ist das Genie. 
Der Mann legte Werth auf die künstlerische 
Erziehung seines Volkes, vergass darob aber ganz, 
auf die Erziehung der Künstler selbst, auf ihre 
Akademien einen Blick zu werfen. 
Er hätte es da nicht minder beklagen müssen, 
dass man die Augen zu viel in die Vergangenheit 
und zu wenig auf die Gegenwart, geschweige denn 
in die Zukunft richtet, dass 
man noch immer fest an der 
Eintheilung einer überwun 
denen Epoche hält, die 
hochmüthig die Kategorien: 
Maler, Bildhauer und Land 
schafter aufstellte und unter 
dem Maler von Gewicht nur 
den Historienmaler verstand, 
den, der es sich zur Aufgabe 
gemacht hat, längst gesche 
hene weltgeschichtliche Er 
eignisse darzustellen, an de 
nen ihn nichts weiter interes- 
siren kann, als das Costume. 
Denn auf die Ausbildung 
zum Historienmaler legt die 
Akademie in erster Linie 
Werth. Ihr wendet sie ihre 
grösste Sorge zu, ohne sich 
bewusst zu sein, dass sie 
damit ein falsches Ziel im 
Auge hat. 
Nicht der Könige Zwist, 
nicht die Schlacht bei den 
Schiffen ist es, was uns mo 
derne Menschen bewegt. 
Wer die Kunstausstellun 
gen aufmerksam durchmus 
tert, ich meine die, denen die 
ser Titel mit Ehren zukommt, dem leuchtet es aus 
allen Rahmen, von allen Sockeln entgegen: Was uns 
nahe geht, ist die innige Freude an der Natur, das 
warme Interesse am Menschen, das Gefühl für die 
lebendige Gegenwart, für unser eigen Leid und 
Freud, für unser liebes Fleisch und Blut, Alles so 
grundverschieden und wie die Sünde zuwider den 
akademischen zehn Geboten. Da ist nichts mehr 
blind in's Blaue hineingedichtet, jedes Ding ist mit 
irgend einem Ende mit dem Leben verknüpft. Ich 
gehöre in eines reichen Mannes Musikzimmer, sagt 
das eine, ich in das Boudoir einer verwöhnten 
Dame, das andere Werk. 
Ein Schimmer der guten alten Zeit dämmert 
herauf, wo derselbe Griffel, der gestern den tiefsten 
Gedanken Ausdruck verschaffte, die in eines Men 
schen Kopf und Herzen nach Gestaltung rangen, 
heute ein Leuchterweiblein, morgen ein Wappen 
entwerfen half. Es ist, als ob wir wieder anklopfen 
dürften an die Thüren der Gefeierten, wenn es 
uns drängt, Dingen, mit de 
nen wir uns umgeben wol 
len, ein neues Kleid zu wir 
ken. Der Künstler scheint 
uns wieder näher zu rücken, 
für unsere Wünsche em 
pfänglicher zu werden, und 
lässt uns hoffen, dass er 
dem reichen Inhalt, den das 
19. dem 20. Jahrhundert zu 
vermachen hat, die künst 
lerische Form erschaffen 
werde, die es noch braucht, 
um sich, als das geistig Be 
deutendste, an die Reihe der 
vergangenen zu schliessen. 
Und wodurch wäre an 
dererseits die alte Akade 
mie schuld an dem Uebel- 
stande, dass wir diese Mitar 
beiterschaft, diesen lebendi 
gen Verkehr mit den Künst 
lern, entbehren müssten? 
Dadurch, dass sie die 
eifersüchtige Hüterin der so 
genannten reinen oder hohen 
Kunst geworden war, eines 
Begriffes, der genau in dem 
Augenblicke erstand, wo die 
grossen Leuchten der Kunst 
E. M. LILIEN
	        
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