E. M. LILIEN
erloschen und sich die kleinen Llclitleln entzündeten,
wo man Im Hinblick auf das von Urnen Erreichte
alles Handwerksmässige ln seine Grenzen zurück
wies und sich mit dem Adel brüstete, den ein
günstiger Fürst seiner ersten Akademie verliehen
hatte» Denn damit glaubte man die Verpflichtung
übernommen zu haben, der neuen Würde ent
sprechend neue Ziele auszuforschen und sie ln
Wort und Schrift umständlich zu erläutern. Be
zeichnend genug, dass der erste Kunstschreiber im
grossen Stile, Giorgio Vasari, auch der erste Aka
demiker war» Nun blieb die gute Natur mehr
abseits liegen. Man machte ihr zwar gelegentlich
sein Compllment, holte sich Im Ucbrigen jedoch
Rath und Hilfe bei seinen berühmten Vorbildern,
hier für den Ausdruck, dort für die Compositlon,
bei diesem für die schöne Linie, bei jenem für das
Colorlt, die Grazie» Noch in Raffael's Werkstätte
waren sich die Schüler gegenseitig im Hemd und
Hose Modell gestanden, um einander in der Arbeit
den Anblick des lebendi-
entwlckelt hat, sondern festgefügt gleich dem
Kopfe ihrer Schöpfer entsprungen Ist. Wir be
dauern es nur, dass sich Ihm kein noch so ein
sichtsvoller Lehrer je entziehen konnte, dass es
kein noch so wilder Stürmer und Dränger je zu
zersprengen vermochte. Denn viel naives Em
pfinden, viele künstlerische Individualitäten sind
ihm erlegen.
Wenn Ich sage: viel, so will Ich damit nicht
hart werden, ich spreche nur unter dem Eindrücke
eines Besuches der Hamburger Kunsthalle, wo ein
für echte Kunst begeisterter Direktor die Geschichte
der Malerei seiner Vaterstadt, dieser coloristisch so
hochbegabten Schule, in ihren Werken dargestellt
hat. Wir sehen da bedeutende Talente, die unter
glücklichen Umständen die deutsche Kunst wieder
auf einen Höhepunkt gebracht hätten, in ihren
unbeeinflussten Dilettantenjahren gar kräftig die
Flügel entfalten, leider aber nicht zum Fliegen
kommen? denn die Akademie, ln deren Netze sie
geriethen, hat sie Ihnen
arg gerupft und so kurz
verschnitten, dass sie nur
mehr als lahme Classl-
clsten dahinflatterten, die
sich, als bleiche Carton
zeichner, vor ihrem elge-
nenFarbengefühl zu fürch
ten anfingen. Aus mäch
tig aufwärts strebenden
Genies sind kleinliche, zag
hafte Gemüther geworden,
die hilfesuchend nach Mus
tern spähen und stets auf
der Hut sind, gegen Irgend
eine wichtige Regel zu
verstossen.
Wo alles so fest ge
gliedert war, mussten na
türlich auch die Mittel,
die den Akademien zur
Verfügung gestellt wur
den, den Zwang nur ver
mehren. Sie haben fast
kein Stipendium, keinen
aufzuweisen, der
Bewerber In
einer Beziehung
seinem Schaffen
Schranken auferlegte oder
gen Objectes zu vermitteln,
jetzt setzten sich die Aka
demiker, wie eine alte
Zeichnung darthut, in mo
discher Tracht an ihren
Zeichentisch, um beim
Kerzenschein Antike nach
Gipsabgüssen zu studiren.
Die Kunst hatte sich vom
Leben ab- und der Ver
gangenheit zugewandt.
Sie hatte damit eine lange
Schlinge zu durchlaufen,
bis sie in unseren Tagen
wieder, ohne hohe Schule,
ja ihr gerade entgegen
strebend, In die alte Bahn
einlenken konnte. Wir
staunen über diesen ver
lorenen Weg freilich nicht,
wenn wir einmal erkannt
haben, In welch starres
System sich die Akade
mien gekleidet haben, ein
System, das sich nicht
nach den Zettverhaltnis-
sen allmähllg ausgestaltet
und Ihren Forderungen
g emlss Glied für Glied
Preis
nicht dem
Irgend
bei
©