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MAK

Full text : Jahrgang 5 (1902) (Heft 14)

inne;  dies  wirkt  auf  den  Hörer  so  zerschmetternd,  so  aufrüttelnd.
  Der  ganze  Körper,  der  ganze  Organismus  fängt  an
zu  revoltieren,  wird  durcheinander  gebracht.  Dieses  Instrument,
  das  aller  Gesetze  spotten  möchte,  will  jeden  Raum
vernichten,  alle  Mauern,  die  sich  auftürmen,  niederreißen;
es  schleudert  den  Menschen  hinaus  in  einen  ungeheuren
Raum,  seinen  Raum,  den  es  sich  schafft;  in  einen  ewig
ruhelos  kreisenden  Wirbel.  Gegen  die  Orgel  ist  das  größte
Orchester  klein=menschlich  und  leicht  verständlich;  sie  ist
die  Urmutter  all  der  anderen  Instrumente,  die  nun  einzeln
ihren  Weg  suchten;  die  Urmutter,  noch  umweht  von  der
Mystik  uralter,  vergessener,  ungeklärter  Empfindungsäußerungen.
  Und  trotzdem,  trotz  dieser  sieghaften  Wucht,  wohnt
ihm  ein  entsetzliches  Gefühl  der  Gebundenheit  inne;  es  ist
gefesselt  und  gebändigt  und  nicht  nur  durch  die  kleine  Kraft
des  Menschen.  Man  sehnt  sich  nach  einem  endlichen,  freien
Ausklang;  die  Töne  sollen  sich  befreien  und  jubeln;  die
Schwingen  sollen  sich  endlich  entfalten.  Aber  wieder  braust
es  und  braust:  ein  friedloses,  ruheloses  Tönen.  Und  Ruhe
nur,  wenn  das  Ende  kommt,  wenn  alles  prasselnd  zusammenstürzt
  wie  ein  alter,  sagenumwobener  Palast,  wo  der
Lärm  der  stürzenden  Mauern,  die  alles  begraben,  noch  lange
tönt.  ©0©
©  Und  doch  hat  die  Orgel  wieder  Töne  von  einer  Zartheit
und  Reinheit  und  Lichtheit  des  Klanges,  die  entzücken,  die
rühren.  Die  immense  Wucht  der  tönenden  Luftsäulen  hat
den  Hörer  überwältigt.  Unwiderstehlich  ziehen  ihn  diese
Töne  nun  wieder  zu  sich  heran;  eine  solche  Weichheit,

212.
            
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