formst du ein Ding, das nun plötzlich zum Übermittler dei=
ner tiefsten Regungen wird, näher steht es dir nun als dein
nächster Freund; es spricht all dein Sehnen und Ringen aus.
Und du gehst ihm nun vervollkommnend nach. Es scheint,
als wäre das vorbei für immer; es scheint, als wäre die
Zahl der Instrumente, die wir haben, nun für immer fest=
gelegt und unumstößlich begrenzt. Doch nur der, der das
Instrument erfindet, oder der, in dem diese ehemals neue
Zeit so lebendig fortwirkt, daß er gleichsam das Gegebene
nur als Möglichkeit und als Wandlung nimmt und kühn
weiter führt, nur der geht seinen Weg bis zu Ende. Wer
nichts erfindet und wer sich auch nicht zu dem Gegebenen
als Werdenden stellt, wird nichts zu einem Höhepunkt
führen. Zwar hat die Orgel in Bach das Höchste = ein
Höchstes = die „Selbstverständlichkeit” erreicht. Aber doch
läßt sich denken, daß auf der Orgel noch ganz andere als die
festgelegten, traditionellen Wirkungen zu erzielen sind.
Ganz löse man sie von der Tradition, die wie Staub auf ihr
lastet; ganz vergesse man ihren Ursprung und nehme sie
als etwas Werdendes, in dem noch viel schlummert. Dazu
ist eines nötig: ein so tiefer, echter, neuer Empfindungs=
gehalt, so gewaltig, daß alle bisherigen Möglichkeiten der
Nüancen nicht genügen und aus dieser Qual des Mangels
sich das Neue gebiert. Das ist nicht zu verstehen in einer
gewaltsamen und spielerischen Weise, einer Über=Verfei=
nerung etwa, sondern im guten Sinne einer kraftvollen,
wahren und großen Empfindung, die lieber nichts will als
eine Welt, die ihr fremd ist und fremd sein muß, weil sie
sie nicht formte. ERNST SCHUR.
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