Gebäude; aber der Geist des toten Handwerkers kann nicht zurückgerufen
werden, um andere Hände und andere Gedanken zu bewegen,
„Und was das direkte und einfache Kopieren anbelangt, so ist das eine
handgreifliche Unmöglichkeit. Wie kann man Oberflächen kopieren, die einen
halben Zoll tief abgewittert und abgebröckelt sind? Die ganze Vollendung der
Arbeit lag in dieser halbzolldicken Schicht, die verloren gegangen ist; eine mut-
maßliche Herstellung hat gar keinen Wert; wenn man das Ubriggebliebene
kopiert, angenommen, daß es möglich sei (und welche Sorgfalt, \orsicht und
Kosten verbürgen das?), wie kann die neue Arbeit besser sein als die alte? In
der alten war doch noch etwas Leben, eine geheimnisvolle Andeutung, was sie
war und was von ihr verloren gegangen; etwas Liebliches und Liebenswertes
in den feinen, von Regen und Sonnenschein verwitterten Linien. In der bruta
len Härte der frischen Behauung kann kein Leben sein.
„Der allererste Schritt zur Wiederherstellung bedeutet das Entzweischlagen
der alten Arbeit, der zweite die meistenteils billigste und banalste Nachahmung,
die eben durchschlüpfen könnte. ,
„Laßt uns also von Wiederherstellung lieber gar nicht reden. Die Sache ist
eine Lüge von Anfang bis zu Ende. Ihr könnt das Modell von einem Gebäude
machen wie von einem Leichnam; das Abbild mag die Schale der alten Mauern
umschließen, wie der Abguß das Skelett enthalten mag, zu welchem Nutzen
ist mir unerfindlich und unwichtig; aber der alte Bau ist jedenfalls zerstört,
vollständiger und erbarmungsloser, als ob er in Trümmer gesunken und in
einen Staub- und Lehmhügel verwandelt wäre. Denn mehr Schönes wurde in
dem verödeten Niniveh aufgelesen als jemals aus dem wiedererbauten
Mailand. ,
„Aber, sagt man, es mag eine Notwendigkeit zum Wiederaufbau eintreten.
Zugegeben. Seht dieser Notwendigkeit frei ins Antlitz und begreift ihre Mah
nung! Es ist die Notwendigkeit der Zerstörung. Nehmt sie hin, reißt das Ge
bäude nieder, werft die Steine in Haufen zusammen, macht Ballast aus ihnen
oder Mörtel, wenn ihr wollt; aber tut das ehrlich und setzt keine Lüge an
ihre Stelle. Blickt dieser drohenden Zerstörung ins Gesicht, bevor sie heran
naht, und ihr könnt sie aufhalten und verhindern. Die heutige Regel ist, erst
die Gebäude zu vernachlässigen und sie hinterher zu restaurieren, ein Prinzip,
das wenigstens in Frankreich systematisch von den Steinmetzen durchgeführt
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