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christlichen Kunst, wohl der einzigen, die es vermocht hat, mit den eitlen
irdischen Mitteln der Malerei und durch die schwache Hand des Menschen
wurmes unergründliche Tiefen, Schauer der Gottheit und Menschheit und
die bis ins innerste Mark erschütternden Visionen der Apokalypse wieder
zugeben. ©00
© Freilich sind diese Bilder nicht vereinbar mit jener seichten Art von
Katholizismus, die die Religion der Salons und wohldurchwärmten Kirchen,
des billigen Gewissensfriedens und der Lektüre verbotener Bücher nach
eingeholter geistlicher Erlaubnis bildet. © © ©
© Der Typus unseres offiziell-religiösen Bildes stammt geradewegs von
der dem Zerrbild nahen Engelssüße der Spätrenaissance- und Barock
italiener ab. Was durch die Hände Murillos und Carlo Dolces gefiltert
worden war, das bietet uns dann jener Overbeck, „der die Tradition mit
dem ihm eigenen Empfinden in Einklang brachte”. Die auf diese Weise
aufgefaßte religiöse Kunst hat es nicht unterlassen, ihren geistlichen
Gönnern einen Streich zu spielen und unter dem Deckmantel der bis zur
äußersten Grenze getriebenen „Milde” führte sie eine gemeine Sinnlichkeit
ein; dies fiel niemandem auf. ©0©
© Die Hypokrisie in der Kunst jedoch ist es, die in der Kirche Werke,
die über das angenommene Schema hinausgehen, nicht dulden will, die
den Künstler, der solche schafft, als einen Frevler gegen die Würde des
heiligen Ortes verdammt. © © ©
© Ja, die Kunst soll dazu „dienen”, in trägen Gemütern religiöse Extasen
zu erwecken; vorher verbietet man ihr aber, in naiver und stark empfun
dener Weise die individuelle Extase des Künstlers auszusprechen! Aber
die raufenden Hunde und Affen, die sich in alten gotischen Kirchen hart
neben dem pathetischen Kaiserdenkmal finden? Und die Kröten, die über
die Kanzelballustrade auf und ab wandern? Und dies war keine Schän
dung der Kirche und des heiligen Wortes, das von der Kanzel tönt.
Derartige naive Symbolik verdammt die Hypokrisie in der heutigen offi
ziellen Auffassung der religiösen Kunst ebenso, wie sie es nicht zum Ver
ständnis des Nackten bringen kann, trotzdem die Existenz der reinen
Nacktheit in der Kunst heute wohl nicht mehr bestritten werden kann. Und
diese Hypokrisie in der Kunst sollte schon endlich einmal ein Ende finden.
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