© Dann würde wahrscheinlich auch der rein mechanisch immer wieder
holte Hinweis auf Fra Angelico, dessen Name so schön in der Kunst
geschichte klingt, einer ehrlichen Bewunderung dieses großen Künstlers
von Gottes Gnaden Platz machen. © © ©
© Die Schöpfungen dieses großen Künstlers sind von ungleichem Werte.
Neben kühnen und reichen Farbenharmonien, wie z. B. die Kreuzigung in
S. Marco in Florenz, finden wir waschblaufarbene Mäntel von Heiligen.
Doch die Jahrhunderte alte Tradition und die anerkannte Marke benehmen
den geistlichen Kennern das unbefangene Urteil über gute und schlechte
Werke. Fra Angelico wird als Muster hingestellt und zeitgenössischen
Künstlern Barbarei zum Vorwurfe gemacht. Nicht stoßen sie sich an den
buhlenden Bewegungen der tanzenden Engel und Heiligen inmitten der
Schauer des jüngsten Gerichtes und der sich öffnenden Gräber, nicht an den
orangegelben Reflexen auf den Gesichtern, die man so schön mit der
Sonnenglut der italienischen Malerei und mit dem Abglanze himmlischer
Seligkeit erklären kann = es ist ja Fra Angelico. ©©©
© Und Fra Angelico war ein großer und individueller Künstler, wie
sollte aber in demselben Atem die Schule der Benediktiner in Beuron
genannt werden? Mag diese immerhin gewisse Verdienste haben: den Abt
Walter genial zu nennen bedeutet ein Unrecht und Fra Angelico wird
sich da wohl eine andere Gesellschaft suchen müssen, wer weiß ob nicht
bei uns, den Exkommunizierten. Geht es also an, den Typus des religiösen
Bildes zu konstruieren und dabei lediglich „die germanischen und italie
nischen” Meister im Sinne zu haben? ©00
© Der Katholizismus ist doch eine Religion von Jahrhunderten, von
Völkern, von Rassen. Seine ewig dauernden Gestalten werden immer
neue Formen gewinnen, so wie sie bisher ihre Formen fortwährend ge
wechselt haben. Kann der christlichen Ikonographie, für die der gelehrte
Autor schon den Schlußpunkt gemacht hat, etwas anderes übrig bleiben
als zu folgen ? © © ©
© Daß der Typus der religiösen Malerei sich weiter bilden muß, steht
fest. Ebenso, daß die Traditionen der Kirche und der Kunst sich von
Geschlecht auf Geschlecht vererben. Und auch, daß sie in der Kunst der
Gegenwart nicht verklungen sind, ist nicht zu bezweifeln. © © ©
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