MAK
lichkeit an, ähnlich wie beim Restaurieren alter Bilder oder dem Ausbessern 
zerfallender Gobelins. ©0© 
© Nun da besteht doch ein Unterschied! Dieser Bau hat Jahrhunderte 
lang gelebt und sich nicht überlebt. Bis jetzt noch stehen die Menschen 
mit ihm in lebendigem Zusammenhänge und er ist nicht in die Reihe der 
toten Denkmale, der griechischen und römischen Tempel und Theater 
übergangen, bei denen Konservierung tatsächlich das einzige Angezeigte ist. 
© Die Kathedrale aber ist ein lebendiges Denkmal eines lebendigen 
Volkes und wir haben ein Recht darauf, auch unsererseits ihrem Bestände 
etwas aus unserem Eigenen hinzuzufügen, widrigenfalls würde sie ja un 
vorteilhaft von der Gesellschaft und von ihrer Lebensfähigkeit zeugen. 
© Wenn es richtig wäre, was Graf Lanckororiski sagt, daß mit der Aus 
schmückung der Kathedrale, „die eine große Dame ist und der man mit 
Ehrfurcht begegnen soll”, nur talentlose Leute betraut werden dürften, 
dann müßte sie ja jetzt, nachdem dieser Grundsatz solange gewahrt wor 
den ist, einen höchst erfreulichen Anblick bieten. Aber das Gegenteil ist 
eingetroffen. Sie wurde zum Modell einer überzivilisierten Kirche, wo der 
Stil den modernen Bedürfnissen angepaßt wurde, wo die Erfindungsarmut 
durch eine Ausführung erster Klasse ersetzt werden soll, wo es nichts 
Unverziertes, nichts Anspruchsloses gibt. Wie seufzt man in ihr nach der 
graziösen Nachlässigkeit in der Ausführung italienischer Kirchenkunst! 
Welch eine malerische Ungezwungenheit zeigt diese Kunst in der Be 
handlung des Marmors im Vergleiche z. B. zu der öden, spiegelnden 
Glätte des Stukkos in den Wiener Hofmuseen. = © © © 
© Die Kathedrale auf dem Wawel besitzt ein ungewöhnliches Geheim 
nis, das Geheimnis des Malerischen und des Zaubers einer polnischen 
Kirche. Solche Innenräume wie in Polen gibt es nirgends: einen Raum 
wie den zwischen dem riesigen Barockaltar, dem Grabmal des Kardinals 
Friedrich des Jagellonen, dem Bischofsthron und der Kapelle des heil. Stanis 
laus; solche Chorstühle wie diese, die wir mit verblaßtem Samt und gold 
gestickter Seide zu sehen gewohnt waren, findet man nirgendwo wieder. 
© Welch ein Glück, daß die Tumba des heil. Stanislaus noch nicht be 
seitigt wurde, daß die einzige königliche Kirche in Polen so noch erhalten 
geblieben ist, das Pantheon polnischen Ruhmes, unerhört in seiner Wir- 
259
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.