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MAK

Full text : Jahrgang 6 (1903) (Heft 3)

0  Empfänden  wir  als  Nation  den  Drang  nach  dem  Besitze  von  Kunstwerken, ­
  wie  die  Griechen  ihn  empfanden,  hätten  wir  im  Lande  einen
einzigen  gemeinsamen  Cultus,  welcher  ohne  die  äußerlichen  Bildnisse
angebeteter  und  verehrter  Persönlichkeiten  nicht  bestehen  könnte,  wie
dies  zu  den  Zeiten  der  italienischen  Kunstblüthe  der  Fall  war,  so  könnte
vielleicht  die  Erziehung  der  Künstler  zur  Staatsangelegenheit  werden,
obgleich  sie  es  weder  in  Griechenland  noch  in  Italien  gewesen  ist.  Allein
die  heutige  Kunst,  die  in  der  freien  Phantasie  der  Künstler  lebt  und  dieser
Willkür  bedarf,  um  lebendige  Früchte  zu  tragen,  die  nur  in  der  geistigen
Befriedigung  derer,  welche  sie  ausüben,  und  im  Genüsse  derer,  welche
die  Kunstwerke  erwerben,  ihre  Existenz  findet,  diese  Kunst  kann  unmöglich ­
  für  den  Staat  zum  Gegenstände  der  Vorliebe  hingestellt  werden,  so
wenig  als  sogar  die  Dichtkunst,  welche  doch  von  allen  Künsten  am
höchsten  steht.  ©  ©  ©
©  Treten  Künstler  (Dichter,  Maler,  Bildhauer,  =  oder  welcher  Stoff
nun  immer  zum  Träger  ihrer  Ideen  auserkoren  wurde)  in  einem  Lande
auf,  ist  die  Kraft  derselben  so  umfassend  und  tief,  daß  ihre  Schöpfungen
zu  einem  Theile  des  allgemeinen  geistigen  Reichthums  werden,  dann
bietet  die  Stellung,  welche  solche  Männer  einnehmen,  keinen  Maßstab  für
die  Behandlung  weniger  begabter  Naturen.  Weder  ihr  hoher  Rang  (wenn
er  ihnen  eingeräumt  wird)  noch  ihre  Verlassenheit  (wenn  ihnen  diese  zu
Theil  wird)  giebt  für  Andere  eine  Präjudiz  ab.  Solche  Geister  haben  ihre
eigenen  unberechenbaren  Schicksale.  Meistentheils  ist  es  großen  Dichtern ­
  und  Künstlern  elend  genug  ergangen.  Daran  ist  jedoch  weder  die
Bosheit  der  Menschen  noch  die  fehlerhafte  Einrichtung  des  Staatsorganismus ­
  Schuld  gewesen.  Der  Grund  liegt  darin,  daß  solche  Männer  dem
praktischen  Leben  des  Tages  wirklich  nichts  bieten  können,  sondern  als
allgemein  wirkende  große  Mächte  dastehen.  Während  sie,  an  die  Jahrhunderte ­
  denkend,  den  Tag  vergessen,  rächt  sich  der  Tag  und  verweigert
ihnen  das,  was  er  denen  so  reichlich  gewährt,  welche  ohne  Gedanken
an  nachher  und  vorher  der  Gegenwart  mit  allen  Kräften  zu  dienen  bestrebt ­
  sind.  ©  ©  ©
©  Nehmen  Männer  den  Thron  des  Landes  ein,  welche  die  höhere  Nützlichkeit ­
  dieser  Geister  empfinden  und  den  Ruhm  im  Voraus  fühlen,  den

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