0 Empfänden wir als Nation den Drang nach dem Besitze von Kunstwerken,
wie die Griechen ihn empfanden, hätten wir im Lande einen
einzigen gemeinsamen Cultus, welcher ohne die äußerlichen Bildnisse
angebeteter und verehrter Persönlichkeiten nicht bestehen könnte, wie
dies zu den Zeiten der italienischen Kunstblüthe der Fall war, so könnte
vielleicht die Erziehung der Künstler zur Staatsangelegenheit werden,
obgleich sie es weder in Griechenland noch in Italien gewesen ist. Allein
die heutige Kunst, die in der freien Phantasie der Künstler lebt und dieser
Willkür bedarf, um lebendige Früchte zu tragen, die nur in der geistigen
Befriedigung derer, welche sie ausüben, und im Genüsse derer, welche
die Kunstwerke erwerben, ihre Existenz findet, diese Kunst kann unmöglich
für den Staat zum Gegenstände der Vorliebe hingestellt werden, so
wenig als sogar die Dichtkunst, welche doch von allen Künsten am
höchsten steht. © © ©
© Treten Künstler (Dichter, Maler, Bildhauer, = oder welcher Stoff
nun immer zum Träger ihrer Ideen auserkoren wurde) in einem Lande
auf, ist die Kraft derselben so umfassend und tief, daß ihre Schöpfungen
zu einem Theile des allgemeinen geistigen Reichthums werden, dann
bietet die Stellung, welche solche Männer einnehmen, keinen Maßstab für
die Behandlung weniger begabter Naturen. Weder ihr hoher Rang (wenn
er ihnen eingeräumt wird) noch ihre Verlassenheit (wenn ihnen diese zu
Theil wird) giebt für Andere eine Präjudiz ab. Solche Geister haben ihre
eigenen unberechenbaren Schicksale. Meistentheils ist es großen Dichtern
und Künstlern elend genug ergangen. Daran ist jedoch weder die
Bosheit der Menschen noch die fehlerhafte Einrichtung des Staatsorganismus
Schuld gewesen. Der Grund liegt darin, daß solche Männer dem
praktischen Leben des Tages wirklich nichts bieten können, sondern als
allgemein wirkende große Mächte dastehen. Während sie, an die Jahrhunderte
denkend, den Tag vergessen, rächt sich der Tag und verweigert
ihnen das, was er denen so reichlich gewährt, welche ohne Gedanken
an nachher und vorher der Gegenwart mit allen Kräften zu dienen bestrebt
sind. © © ©
© Nehmen Männer den Thron des Landes ein, welche die höhere Nützlichkeit
dieser Geister empfinden und den Ruhm im Voraus fühlen, den
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