sind. Besonders wurden ganz gelegentliche Äußerungen bevorzugt und
herangezogen, wie sie im zwanglosen Gespräch und Briefwechsel gemacht
werden. In ihnen tritt das Wesen und der Charakter eines Menschen oft
viel deutlicher und ursprünglicher zu Tage wie in großen und wohlüber
legten Werken und Abhandlungen. Das „Sich gehen lassen”, das einen
Wesenszug des Briefstils bildet, verleiht derartigen Mitteilungen erstens
einen ganz besonderen Reiz und dann tritt daraus eine Ursprünglichkeit
und unbeabsichtigte Offenbarung von Gedanken und Gefühlen zu Tage,
deren Prägnanz durch eine andere Ausdrucksform geschwächt würde.
Wenn nun auch solche Äußerungen, die einen Einblick in das eigene
künstlerische Schaffen sowie in die Art der kritischen Wertschätzung
eigener und fremder Werke gestatten, in Briefform leider nur spärlich Vor
kommen, so ist doch die Bereicherung, die uns damit für das innere Wesen
der Kunst zu Teil wird, von größter Wichtigkeit. Von den Briefen des
XV., XVI. und XVII. Jahrhunderts, deren Kenntnis wir den archivarischen
Forschungen von Gaye, Bottari, Gualandi, Crowe und Cavalcaselle, Mila-
nesi, Gotti und anderen zu danken haben, kommen hinsichtlich ästhetischer
Mitteilungen nur wenige in Betracht. Was mich bewogen hat, sie doch,
soweit sie in der Guhlschen Sammlung aufgenommen sind, zu berück
sichtigen, das sind die Momente, die auf den Verkehr der Künstler unter
einander, auf ihr Verhältnis zu ihren Auftraggebern und auf ihre Beziehun
gen zu den Geistesgrößen ihrer Zeit hinweisen. Hieraus ergibt sich der
jeweilige Bildungsgrad des Einzelnen, sein Können und Wissen auf den
nichtkünstlerischen Gebieten (man denke an Michel Angelo, Alberti, Lio-
nardo, Dürer, Rubens etc.), seine Beziehungen zur Literatur und Musik,
die Anregung, die ihm von hieraus erwuchs, und ferner entsteht ein Bild
vom Kunstverständnis und Kunstinteresse, das die Laienwelt den künst
lerischen Schöpfungen entgegenbrachte. Gerade dieser letzte Punkt bean
sprucht besondere Beachtung, zumal die Wechselbeziehungen von Künst
lern, Auftraggebern und Gönnern, die ein Lebenselement der Kunst be
deuten, nicht immer von günstigem Einfluß waren. Insofern bilden diese
Briefe wichtige Beiträge zur Geschichte des künstlerischen Geschmackes.
Das damalige Publikum, das künstlerisch durch und durch geschult war,
sprach in Kunstsachen ein entscheidendes Wort mit. Es nahm nicht alles
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