der Pose, welche ihm dazu half, sich selbst zu entdecken; ebenso wie
Burne Jones ihm half, als er die Illustrationen zu Morte d’Arthur schuf,
wie die Kunst Japans ihm half, sich von diesem Einfluß zu befreien, wie
Eisen und Saint-Aubin ihm den Weg zeigen halfen zu seinem Lockenraub.
Er besaß jene Originalität, die sich zwar jeder Beeinflussung hingibt, aber
sie aufsaugt, statt sich aufsaugen zu lassen, jene Originalität, die, wenn sie
sich auch fortwährend verschiebt, sich doch nicht von ihrem Mittelpunkt
entfernt. Ob er von Grasset oder von Ricketts lernte, von einem 1830er
Modeblatte oder von einem Hogarth-Stiche, ob die Szenerie von Arques-
la-Bataille sich in seiner Seele zu einem Teppichmuster zusammenkom
ponierte, oder ob er sich in dem Kasino in Dieppe eine Skizze machte von *
dem Arrangement eines eigentümlich aufgerafften Fenstervorhanges, er
entnahm stets aus der geordneten Kunst oder ‘der ungeordneten Natur
das, was er für sich brauchte, das, was er sich zu seinem Eigenen machen
konnte. Und er fand in der französischen Kunst des Tages eine freudvolle
Traurigkeit, eine Verehrung des Gottes Mephisto, auf die sein Tempera
ment und seine Eigenart nur gewartet hatten, um sie anzunehmen. © ©
© „In mehr als einer Art opfern die Menschen den rebellischen En
geln,” sagt der heilige Augustin. Aber Beardsleys Opfer wie das aller
wirklich großen dekadenten Kunst, der Kunst eines Rops oder der Kunst
eines Baudelaire ist nur scheinbar ein Opfer an die Mächte der Finsternis;
es ist in Wahrheit ein Opfer an die ewige Schönheit. Und hier möchte ich
betonen, daß es mir gleichgültig ist, welche Absicht er mit seinen Bildern
verfolgte; weder er, noch irgendjemand hätten dies mit absoluter Sicher
heit sagen können. Man muß sich klar darüber sein, daß die Absicht eines
Menschen gerade darum, weil sie bewußt ist, ihn für den andern viel we
niger repräsentiert als die Empfindungen, welche seine Schöpfungen über
mitteln. So groß ist das unbewußte Element in jeder künstlerischen f
Schöpfung, daß Beardsley wahrscheinlich selbst nicht wußte, was er mit
diesem oder jenem bezeichnenden Werke eigentlich sagen wollte. Zuge
geben aber, daß er genau über seine Absicht hätte Aufschluß geben
können, so wäre ich sofort bereit zu zeigen, daß er genau das Gegenteil
davon ausgedrückt hat. Wenn ich also ausspreche, daß er ein im tiefsten
Grunde innerlich schaffender Künstler war und ihm doch dabei haupt-
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