AUBREY BEARDSLEY.
VON ARTHUR SYMONS.
* JFl "lUBREY BEARDSLEY starb 26 Jahre alt in den Armen der
Kirche, anima naturaliter pagana. Ein kurzes Leben, eine lange
/ \\ Laufbahn. Kein Künstler unserer Zeit, sicherlich keiner, der wie
/ er nur Illustrator war, hat es zu größerer und heißumstrittenerer
1 / W Berühmtheit gebracht. Keiner hat sich je aus so fremden Elemen
ten heraus eine persönlichere Ursprünglichkeit des Stils geschaffen und kei
ner hat die Kunst seiner Zeit so weitgehend beeinflußt. Er besaß den zer
störenden Arbeitsdrang derer, denen es bestimmt ist, jung zu sterben, jene
unheimliche Vollkommenheit und jenes umfassende Wissen, jene Zusam
menfassung einer Lebenszeit in eine Stunde, die denen eigen ist, die sich
beeilen müssen, ihr Werk am Mittag zu beschließen, in der Gewißheit, daß
sie den Abend nicht mehr erleben werden. So wurde er in den Salons als
klavierspielendes Wunderkind gefeiert, noch ehe er eine Linie gezeichnet
hatte. Als er mit 20 Jahren seine Berühmtheit als Zeichner erlangte,
nahm er sich, trotz der ihm verbleibenden wenigen Jahre voll angestreng
tester Arbeit, die Zeit, sich planmäßig zum Schriftsteller auszubilden. Seine
Prosa war in ihrer Art ebenso originell wie seine Zeichenkunst und seine
Verse hatten wenigstens geistreiche und eigenartige Züge. Seine Belesen
heit schien ungeheuer, dabei waren seine Neigungen und Abneigungen so
ausgesprochen und so scharfsinnig begründet wie nur die eines Schrift
stellers von Beruf. Ja er schien ein zuverlässigerer Kenner und Beurteiler
von Büchern zu sein als von Bildern; das tiefste Empfinden hatte er jedoch
für Musik. Auch seine Kunst zu unterhalten war eigenartig glänzend. Wenn
auch verschieden in der Form, stand sie inhaltlich kaum der berühmtesten
seiner Zeitgenossen nach, sie war dabei scharf grillenhaft-dogmatisch, eben
so voll von bewußtem Selbstgefühl wie von untrüglicher Scharfsichtigkeit.
Wenn er sich auch gewöhnlich in gewagten Behauptungen gefiel und diese
mit ungestümer Begeisterung vertrat, so ließ er sich doch nie von ihnen
oder selbst von seiner Begeisterung zum Selbstbetrug verleiten, im Gegen
teil, er war von eisiger Sachlichkeit. © © 0
The Unicom Quartos
Unicom Press
London 1898
Für V. S.
übersetzt von Frau
Anna Muthesius
Jänner igo3. London
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