SACRUM.
DAS PLACAT.
„de eouleur batailleuse, de dessin fou, _
de caraetere fantastique..I
(Huysmans, Certains: Gheret.)
I n den Zeiten, da es noch Innungen im wahrhaften Sinne des Wortes gab, entbehrten wenige
Dinge eines gewissen, individuellen Wertes, der so weit gieng, dass er heute, antiquarisch
geworden, oft noch zu künstlerischen Wirkungen, wenigstens decorativ verwendet wird.
Die Dinge waren intimer gemacht, die Zeit liess die Leute sich noch mit denselben „beschäf
tigen", Es war thatsächlich immer ein bisschen Eigenart, ein bisschen Kunst an dem, was
damals in die Öffentlichkeit drang. Nun, da die Masse zu entscheiden anfieng, das Typische,
Dutzendartige der Maschine, wurde die Kunst, die früher ja doch mehr oder weniger gewerb
lich betrieben wurde, ihrer Individualität inne, sie stellte sich in einen Gegensatz, sie schuf
l'art pour l'art, um der Schablone auszuweichen.
Man wurde inne, es war nicht mehr Cultur im öffentlichen Leben, es schien verächt
lich, sich im socialen Leben künstlerisch zu bethätigen. Die geringen Dinge, die das Leben
beherrschten, hatten kein Mass für die weiten Innerlichkeiten der Kunst, die doch nur zumeist
von rein äusserlichen Vorstellungen abhiengen, so gut ein Product waren wie alles andere.
Aber Kunst und Handwerk blieben getrennt. Nun, das hatte seine Vortheile, indem die
Kunst nicht von Formen abhängig war, andererseits seinen Nachtheil darin, dass das Hand
werk immer dutzendartiger wurde. Die Maschine entwickelte sich, aber ohne gerade social im
culturellen Sinne zu werden. Jetzt freilich scheint es, als ob wieder eine Überwindung der
specifischen Kunst durch ein individuelles Handwerk stattfinden wollte. Auch hier werden
Grenzen zu ziehen sein.
Nun aber wird man sagen können, dass die Cultur gerade nicht durch hervorragend
künstlerische Erscheinungen bestimmt wird, sondern gerade mehr in einem Mittelmass von
Güte, in einem allgemeinen Stil der Masse, des Gewerblichen, der Producte liegt. Und das
nun wurde lange, weil es typischer zu sein schien, als eine Entwürdigung des Künstlers
angesehen, dass er sich mit all den kleinen, durch ihre NothWendigkeit bestimmenden
Dingen abgeben sollte. Es fehlte ihm das sociale Gefühl, als ob den Künstler etwas entwür
digen könnte, als ob sein Beruf nicht der wäre, alles einfach zu würdigen. Da waren nun die
Japaner mit ihrer Durchschnittscultur, die jedem Ding zu seinem Recht verhalf, die jedes „in
sicherer Gegenwart“ wie Goethe sagen würde, darstellt, weit voraus. Sie zeigten auch im
Dutzend noch das bestimmende, indem sie es organisch aus den Bedürfnissen hervorwachsen
liessen, indem sie die Kunst aus jedem Gegenstand das Wesentliche holen Hessen. Und so
WU rde auch jeder Gegenstand ein wirklich sociales Product durch seine Cultur. Jeder wurde
deren theilhaftig. ,
Auch das Placat, das die Japaner schon lang in der jetzigen Form hatten, ist so ein
sociales Product geworden, jeder nimmt daran theil, es kann also auf jeden bestimmend in
seiner Art wirken, in ihm kann sich auch zeigen, wie weit sich die Cultur eines Landes äussert,
weil es eben ein typisches Product ist und von solchen grösstentheils handelt. Das Placat
ist ein Träger des öffentlichen Lebens geworden und es hat somit aus dem Wksen zu wirken,
wenn es wirklich social anregend sein soll. Es kann ganz gut heute dasselbe sein, was in
Griechenland die öffentlichen Statuen waren. Bitte, das ist keine Blasphemie! Wir haben
eben keine Heroen mehr, die unser Leben beherrschen können, sondern Nothwendigkeiten.
Nur als Ausfluss solcher Nothwendigkeiten ist uns das Placat geworden und an
uns ist es, solche Nothwendigkeiten durch die erlösende Kunst frei zu machen, in uns setest
durch seinen Anblick zwingende Vorstellungen zu machen, die uns sofort mit unseren Be
dürfnissen verbinden. Nun, das ist ja der Hauptzweck des Placates.
Das Placat befindet sich mitten unter den Menschen, es ist als sociales Product öiient-
liches Eigenthum geworden und hat auf jeden in seiner Weise zu wirken. Diese Strassenkunst
soll bewirken, dass die Leute unserer athemlosen Zeit einen Augenblick anhalten, um sich
ihrer Bedürfnisse zu erinnern, die über sie Herr sind. Nun, und da ist es vonnöthen, dass man