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MAK

Full text : Jahrgang 1 (1898) (Heft 2)

jj/ER  SACRUM.

dass  er  nicht  einmal  daran  dachte,  ihr  einen  Stuhl  anzubieten. ­

Endlich  nach  einigen  Minuten  gegenseitiger  Betrachtung ­
  wagte  er  die  Phrase,  die  niemals  schaden  kann:  „Mit
wem  hab’  ich  die  Ehre,  gnä'  Frau  ?“  „Ich  bin  die  Kunst,
und  wer  sind  Sie  ?“  „Ich  heisse  Josef  Meier  und  bin  Maler.“
„Ja,  warum  malen  Sie  denn  nicht?“  Damit  zog  die  Dame
eine  tadellose,  weisse  Leinwand,  auf  Keilrahmen  gespannt,
aus  ihrem  Faltenwurf,  stellte  sie  auf  die  nächste  Staffelei
und  verschwand,  wie  sie  gekommen  war,  unmerklich  allmählich ­
  .  .  .  mit  ihr  der  Terpentinduft.
Unser  Faulpelz  dachte,  die  ganze  Geschichte  sei  wieder ­
  so  ein  dummer  Traum  gewesen,  aber,  o  Schrecken,
ein  Blick  auf  die  Staffelei  genügte,  ihn  von  der  Anwesenheit ­
  der  fremden  Leinwand  zu  überzeugen.
Wegen  einer  Leinwand  so  zeitlich  auf  den  süssen
Schlaf  zu  verzichten,  schien  ihm  eigentlich  nicht  recht  rathsam,
  doch  die  Neugier,  ob  das  Ding  greifbar  sei,  überwog
bald  seine  Faulheit;  rasch  umgab  er  sich  mit  seinen  sonderbaren ­
  Kleidern,  denen  er  trotz  ihres  veralteten  Schnittes
ebenso  dankbar  war,  wie  seiner  wallenden  Löwenmähne,
denn  wegen  dieser  beiden  wurde  er  überall  „Herr  Kunstmaler“ ­
  genannt.
Farben  auf  die  Palette  drücken  und  die  Pinsel  ergreifen, ­
  war  das  Werk  eines  Augenblickes;  dann  schritt  der
grosse  Künstler  auf  die  Staffelei  zu  =  das  nahende  Verderben ­
  für  die  weisse  Leinwand.

Da  sass  er  nun,  fest  entschlossen,  nicht  früher  aufzustehen, ­
  bevor  die  Leinwand  bis  zum  Rande  mit  Farbe  überzogen ­
  sei;  denn  er  wollte  der  Dame  zeigen,  dass  er  malen
könne.  Malen  kann  man  bekanntlich,  wenn  man  vierJahre
hindurch  Schüler  der  Akademie  war.  Es  handelt  sich  dann
nur  darum,  gute  Vorwürfe  für  Bilder  zu  finden:  „Cäsar  bei
Vercingetorix“,  „Vercingetorix  bei  Cäsar“,  „Ariadne  auf
Naxos“,  „Sonnenuntergang  mit  Kuh“'  u.  dgl.  Diese  und
zahllose  andere  historische  Vorwürfe  zogen  entlang  den
Windungen  des  Künstler-Gehirnes,  konnten  darin  aber
keinen  festen  Fuss  fassen,  offenbar  wegen  der  Weichheit
der  Substanz.  Kein  grösserer  Jammer  auf  Erden,  als  ein
Maler  mit  einem  schlechten  Denkapparat!  Gut,  dass  unser
Künstler  dafür  wenigstens  einen  Magen  besass,  der  (ausnahmsweise) ­
  noch  nicht  gefrühstückt  hatte;  denn  dieser
liess  durch  leises  Knurren  seinen  Herrn  das  herrlichste  Stillleben ­
  erblicken,  das  jemals  gegessen  worden.  Seiner  leisen
Mahnung  verdanken  wir  den  plötzlichen  Entschluss  des
Malers,  ein  solches  Stillleben  auf  die  Leinwand  zu  zaubern.
Der  Meister  hatte  bereits  einige  solcher  angefangenen
Stillleben,  deren  Modelle  theils  aus  dem  altadeligen  Geschlecht ­
  der  Crustaceen  und  Austern,  theils  aus  geringeren
Familien  stammten.  Fertig  war  keines  seiner  Bilder,  denn
etwas  Geniessbares  verderben  zu  lassen,  war  gegen  seine
Principien;  daher  trug  er  die  weitgehendste  Fürsorge,  es
mit  seinen  theuren  Modellen  niemals  dahin  kommen  zu
lassen.  Heute  war  der  Künstlermagen  besonders  aufdringtl


            
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