jj/ER SACRUM.
dass er nicht einmal daran dachte, ihr einen Stuhl anzubieten.
Endlich nach einigen Minuten gegenseitiger Betrachtung
wagte er die Phrase, die niemals schaden kann: „Mit
wem hab’ ich die Ehre, gnä' Frau ?“ „Ich bin die Kunst,
und wer sind Sie ?“ „Ich heisse Josef Meier und bin Maler.“
„Ja, warum malen Sie denn nicht?“ Damit zog die Dame
eine tadellose, weisse Leinwand, auf Keilrahmen gespannt,
aus ihrem Faltenwurf, stellte sie auf die nächste Staffelei
und verschwand, wie sie gekommen war, unmerklich allmählich
. . . mit ihr der Terpentinduft.
Unser Faulpelz dachte, die ganze Geschichte sei wieder
so ein dummer Traum gewesen, aber, o Schrecken,
ein Blick auf die Staffelei genügte, ihn von der Anwesenheit
der fremden Leinwand zu überzeugen.
Wegen einer Leinwand so zeitlich auf den süssen
Schlaf zu verzichten, schien ihm eigentlich nicht recht rathsam,
doch die Neugier, ob das Ding greifbar sei, überwog
bald seine Faulheit; rasch umgab er sich mit seinen sonderbaren
Kleidern, denen er trotz ihres veralteten Schnittes
ebenso dankbar war, wie seiner wallenden Löwenmähne,
denn wegen dieser beiden wurde er überall „Herr Kunstmaler“
genannt.
Farben auf die Palette drücken und die Pinsel ergreifen,
war das Werk eines Augenblickes; dann schritt der
grosse Künstler auf die Staffelei zu = das nahende Verderben
für die weisse Leinwand.
Da sass er nun, fest entschlossen, nicht früher aufzustehen,
bevor die Leinwand bis zum Rande mit Farbe überzogen
sei; denn er wollte der Dame zeigen, dass er malen
könne. Malen kann man bekanntlich, wenn man vierJahre
hindurch Schüler der Akademie war. Es handelt sich dann
nur darum, gute Vorwürfe für Bilder zu finden: „Cäsar bei
Vercingetorix“, „Vercingetorix bei Cäsar“, „Ariadne auf
Naxos“, „Sonnenuntergang mit Kuh“' u. dgl. Diese und
zahllose andere historische Vorwürfe zogen entlang den
Windungen des Künstler-Gehirnes, konnten darin aber
keinen festen Fuss fassen, offenbar wegen der Weichheit
der Substanz. Kein grösserer Jammer auf Erden, als ein
Maler mit einem schlechten Denkapparat! Gut, dass unser
Künstler dafür wenigstens einen Magen besass, der (ausnahmsweise)
noch nicht gefrühstückt hatte; denn dieser
liess durch leises Knurren seinen Herrn das herrlichste Stillleben
erblicken, das jemals gegessen worden. Seiner leisen
Mahnung verdanken wir den plötzlichen Entschluss des
Malers, ein solches Stillleben auf die Leinwand zu zaubern.
Der Meister hatte bereits einige solcher angefangenen
Stillleben, deren Modelle theils aus dem altadeligen Geschlecht
der Crustaceen und Austern, theils aus geringeren
Familien stammten. Fertig war keines seiner Bilder, denn
etwas Geniessbares verderben zu lassen, war gegen seine
Principien; daher trug er die weitgehendste Fürsorge, es
mit seinen theuren Modellen niemals dahin kommen zu
lassen. Heute war der Künstlermagen besonders aufdringtl