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VER SACRI/e 
ihm plötzlich die ganze Situation klar. Ein brausender 
Jubelruf übertönte noch das Gebrüll des Menschenmeeres, 
denn die Anwesenden hatten die vollkommene Ähnlich 
keit unseres Freundes mit der gefeierten Büste constatiert. 
Man begann dieselbe ihrer Lorbeerkränze zu entlauben und 
mit denselben nach dem Erhabenen zu schiessen, bis endlich 
einer seine Schultern umgab. 
Das Gebäude bebte in seinen Fugen, während ein 
Hochgefühl der Befriedigung den Künstler durchzog und 
ein geheimnisvolles Regen durch sein Künstlerhaar gieng, 
als wollten Feenhände seine Locken noch schöner rollen, 
zur vollendetsten Vollendung, würdig des grossen Meisters! 
„Also doch unsterblich geworden,“ jubelte er; „es 
musste ja so kommen!“ Wieder versuchte er krampfhaft, 
in die Nähe des Bildes zu gelangen, aber die Bewunderung 
seiner Anbeter verhinderte ihn, sein eigenes Werk zu sehen, 
geschweige denn ein Urtheil darüber zu gewinnen. 
In seiner Verzückung bemerkte er nicht mehr, wie 
alles sich herandrängte, um ihn näher zu sehen, wie unter 
ihm die Menge sich wie eine Windhose hob, er immer 
obenauf, der Saaldecke näherrückend. Seine Lage war 
kritisch. Im nächsten Augenblick wäre er kopfüber in die 
Schar seiner Anbeter gestürzt, doch, o Gnade des Schick 
sals, der wohlwollende Riesenventilator, dem er ganz nahe 
gekommen war, sog unseren Freund mit einem gewaltigen 
Zuge ein, infolgedessen er wie der Blitz bei der runden 
Öffnung hinausschoss, den Lorbeerkranz im Saale zurück 
lassend, der, beim Passieren des engen Loches von seinem 
Träger abgestreift, dasselbe nun malerisch umgab, nach 
dem der Bewunderte dadurch entschwunden war. 
Staunend richteten sich tausend offene Mäuler nach 
dem bekränzten Loche! 
Weiss Gott, wohin der Künstler, d. h. sein besseres 
Ich, geflogen wäre (vielleicht in eines seiner Luftschlösser 
oder einen anderen Höhencurort), wenn nicht infolge der 
plötzlichen Abkühlung sein schlechteres Ich sich zu regen 
begonnen hätte. So flog es denn in die traurige Wirklich 
keit zurück und der Traum war aus. 
Blendend weiss wie am Morgen blickte die Götter 
leinwand den grellfarbigen Faulpelz an. Grellfarbig? Ja 
wohl, den grellfarbigen Faulpelz, denn während seines 
Traumes hatte er sich bedeutend verändert. Cadmium, 
Stronzian, Veronesergrün und Pariserblau schienen eine 
Conferenz in seinem Gesichte zu halten, während der 
Zinnober auf der Nasenspitze offenbar den Vorsitz führte. 
So kann nur einer aussehen, der, über seiner Palette ein 
geschlafen, sein Gesicht in die Farbenberge vertieft hat. 
Die herrlichen Locken waren durch Flecken aller Farben 
ganz verdorben und aus den Falten seiner Künstlerhose 
träufelte feinduftender] Terpentin auf den Boden. Dieser 
verdammte Terpentin! Kaum hatte sein Duft die Geruchs 
organe des Meisters berührt, als dieser in seinem Schrecken 
die schöne Frau von Vormittag erschaute. Schaudernd 
verhüllte er sein Gesicht mit den Händen und sagte drei 
mal gar nichts. Sie aber hielt eine lange Rede, aus der er, 
einer Ohnmacht nahe, nur ab und zu ein Schlagwort 
hörte, wie: „Scandal! schlafen . . . träumen . . . Faul 
pelz! . . . Locken stutzen . . . Malerei aufgeben! . . . 
Lange waren ihreWorte schon verhallt, als er es wagte, 
aufzuschauen; verschwunden war sie mit der weissen Lein 
wand, unmerklich, wie sie gekommen, . . . mit ihr der 
T erpentingeruch. 
Nachdem unser Freund, nach einem flüchtigen Blick 
in den Spiegel, vor Entzetzen fast gestorben wäre, ver 
brachte er den Rest des Tages mit Reinigung seines Ge 
sichtes und Kopfes, liess sich bald darauf seine Locken 
schneiden und wurde Gemischtwarenhändler. Sein ganzes 
Leben lang vermied er Terpentingeruch. 
M. KURZWEIL.
	        
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