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MAK

Full text : Jahrgang 1920 (Heft Nr. 16)

SEITE  338

BAU'  UND  WOHNUNGSKUNST

HEFT  16

Wir  entnehmen  dem  interessanten  Buche  folgende  Stellen
aus  seiner  Vorrede:  War  das  18.  Jahrhundert  vorwiegend
literarisch  interessiert  und  sehen  wir  seine  größten  Kulturschöpfungen ­
  auf  den  Gebieten,  die  sich  zur  Vergegenständlichung
  ihrer  Ideen  des  Wortes  bedienen  —  Dichtung  und
Philosophie  —,  so  hat  sich  der  Schwerpunkt  seitdem  nach
der  Sphäre  der  bildenden  Kunst  verschoben.
Es  waltet  eine  Zeit  des  Überganges.  Das  Eingestelltsein  in
Organisationsformen  und  äußerliche  Gebundenheiten,  die
Abhängigkeit  von  unpersönlichen  Faktoren  in  ihrer  Einflußnahme ­
  auf  unsere  Lebensgestaltung  und  Wirkungsmöglichkeit ­
  hat  zu  einer  fast  mittelalterlichen  Gliederung  der  Gesellschaft ­
  geführt.  Die  Stellung  zu  den  Inhalten  ist  ähnlich  wie
im  vorchristlich  -  augustinischen  Jahrhundert,  das  äußere
Durchsetzen,  das  Mittel  zum  Zweck  sein  sollte,  ist  in  den
meisten  Fällen  Selbstzweck  geworden.  Hat  die  Renaissance
einen  Individualtypus  entwickelt,  der  im  Subjektivismus  des
i8.  Jahrhunderts  kultiviert  und  übersteigert,  seine  höchsten
Triumphe  feiert,  so  schafft  die  neue  Zeit  einen  Gemeinschaftstypus, ­
  der  dem  des  Mittelalters  in  der  Form  verwandt  ist.
Eine  Ausprägung  des  Gemeinschaftsgedankens  findet  sich
zunächst  mehr  als  in  der  Kunst  im  Kunstgewerbe.  Hier  zeigt
besonders  die  deutsche  Architektur  in  Messels  Warenhausbau,
Peter  Behrens  Industriebau,  van  de  Veldes  vornehm  aristokratischen ­
  und  Schulze-Naumburgs  einfach  bürgerlichen
Hausbauten  die  Schaffung  eines  gewissen  Meistertyps,  aber
als  Fortsetzung  dieser  Idee  auf  demokratischer  Basis  auch
in  Reihen-  und  Typenhäusern  (oft  in  Anlehnung  an  alte  Bautraditionen) ­
  die  Individualität  und  Originalität  zugunsten
der  einheitlichen  Zusammenwirkung  zurücktreten  läßt.  In
Wiener,  Dresdener,  Münchener  und  Saalecker  Werkstätten
werden  von  Künstlern  die  Formen  geschaffen,  die  unserer
auf  Zweckmäßigkeit  und  Nützlichkeit  gestellten  Zeit  entsprechen ­

  und  die  nur  in  Material  und  Solidität  der  Ausführung ­
  —  beides  Dinge,  die  sich  an  ökonomischen  Maßstäben ­
  regulieren  —  gewisse  Extravaganzen  und  Verfeinerungen ­
  zulassen.  Das  „Typenmöbel"  in  der  Form  des  Korbstuhles, ­
  des  Klubsessels  stellt  schon  eine  Verbindung  unserer
praktischen  Ästhetik  mit  der  heutigen  Wirtschaftsorganisation
dar;  in  anderen  Formen  wird  es  auch  den  weniger  zahlungsfähigen ­
  Schichten  immer  mehr  zugänglich  gemacht  .  ..
Mit  dem  Typisieren  der  Erscheinungswelt  hat  auch  die
Herrschaft  des  Individuums  aufgehört;  das  Besondere  wird
im  Allgemeinen  erblickt.  Liegt  hierin  nicht  der  Wunsch,  den
inneren  Gehalt  des  Lebens  zu  bannen?  Das  kann  eine  Entwicklung ­
  zum  Symbolismus  bedeuten,  für  die  noch  anderes
spricht:  das  Gliedern  und  Rhythmisieren  der  Bildfläche  läßt
in  der  Gefolgschaft  dieser  Kunst  auch  eine  neue  Plastik  erblicken, ­
  die  den  Menschen  zum  gestalteten  Ausdruck  von
Empfindungen  macht.  Künstler  wie  Lehmbruck,  Barlach
suchen  ein  überindividuelles  Pathos  abzuleiten  aus  der
Stellung,  Verbiegung,  Verzerrung,  mit  der  der  Körper  auf
Erschütterungen  reagiert.  Nur  ein  großer  Schöpfer  könnte
diesen  symbolistisch-zeichnerischen  Architekturstil  mit  dem
naturalistisch-malerischen  Oberflächenstil  zu  einer  Einheit
verschmelzen,  die  die  letzte  Ausprägung  bedeuten  würde.
Statt  dessen  spalten  sich  die  Künstler  in  Richtungen  und
Parteien,  stellen  Programme  auf  und  theoretisieren,  werden
philosophisch  und  sind  so  zwar  gut  deutsch,  aber  schaffen
keine  Kunst.  So  verworren  und  suchend  wie  unser  Leben  ist
auch  sie.  Und  wenn  wir  als  Künstler  unserer  Zeit  Verwandtes
in  ihr  fühlen,  so  dürfen  wir  doch  nicht  verkennen,  daß  dies
kein  Höhepunkt  ist,  daß  der  laute  und  leidenschaftliche
Schrei  nach  Stil  nur  den  empfindlichen  und  empfundenen
Mangel  zeigt,  daß  unser  Stil  zunächst  nur  das  offene  Bekenntnis ­
  sein  kann,  daß  wir  keinen  haben.

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MÖBELFABRIK
SIGM.  OPPENHEIM
ETABLISSEMENT  FÜR  WOHNUNGSEINRICHTUNG
WIEN
II.,  PRÄTERSTRÄSSE  30

In  writing  advertisers  please  mention  the  „BAU-  UND  WOHNUNGSKUNST“.
            
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