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BAU- UND WOHNUNGSKUNST
HEFT 9
Architekt Reg.-Rat Professor Josef Hoffmann: Damen-Ankleidezimmer.
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nicht mehr nach ihrem stofflichen Gehalte bestimmt
wird, sondern mehr nach ihrem psychologischen
Wesen. So erklärt sich der Charakter der neuen
Phantasietätigkeit, wie wir sie in Musik, Dichtung
und bildender Kunst gefunden haben.“
Das Wesen der Moderne besteht also nach Lam-
precht in einer ausgesprochenen Verinnerlichung, im
bewußten Untertauchen in die Tiefen der mensch
lichen Seele, ins Innere der Dinge, ins Subjektive,
ins Individuelle, ins Ursprüngliche.
Und es ist nur geschichtliche Folgerichtigkeit, es
ist nur ein Beweis für den Zusammenhang mit
der ganzen, großen Kulturbewegung, wenn auch die
Baukunst in der früher geschilderten Weise wieder
zu ihrer subjektiven Ursprungsquelle zurückdrängt
und sich aus den Fesseln des Herkömmlichen, bis
ans Ende des 19. Jahrhunderts Gültigen, zu befreien
strebt. Daß es dabei nicht ohne Reibung abgeht,
daß eine Unmenge des Halbwahren mit unterläuft,
daß alte Werte in ihrer ewigen Gültigkeit verkannt
und vielfach bloß Scheinwerke an deren Stelle ge
setzt werden — das alles liegt im Wesen dieser so--
wie jeder Umwälzung überhaupt. Aber schon scheint
die anfangs allzu stürmische Bewegung allgemach
wieder zu einer gewissen Ruhelage fortgeschritten
zu sein, allgemach scheint das reinigende Gesetz der
natürlichen Auslese des Besten auch hier seine wohl
tätige Wirkung auszuüben. Wenigstens die deutsche
Baukunst im Reiche draußen weist derartige Züge
der Klärung unverkennbar auf. Man hat sich nach
und nach wieder zu einem „Stile“ durchgerungen,
was aber in diesem Zusammenhänge und Sinne
nichts anderes heißt, als zu einer übereinstimmen
den, mehr oder weniger kanonisierten Formen
sprache. Daß dabei diese Sprache eine neuartige ist,
versteht sich nach dem Gesagten von selbst. Wir
in Wien — das muß vorerst leider gesagt werden —
sind noch nicht so weit. Bei uns ist noch alles zer
splittert, wir haben uns noch nicht selbst gefunden.
Woran das wohl letzten Endes liegen mag?
ICH GLAUBE NICHT FEHLZUGEHEN UND
AUCH NICHT MICH EINER BESCHÖNIGUNG
SCHULDIG ZU MACHEN, WENN ICti SAGE,
DASZ DIESER WIDERSTAND GEGEN DIE
BEREITWILLIGE AUFNAHME DES NEUEN
IN DER GROSZEN TRADITION ZU SUCHEN
IST, DIE WIEN IN BAUKÜNSTLERISCHER
BEZIEHUNG AUFZUWEISEN, AN DER ES
SOZUSAGEN NOCH ZU TRAGEN UND — ZU
LEIDEN HAT. Die Barockzeit und die Glanzperiode
des Eklektizismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahr
hunderts sind es, die solcherart unsere Empfäng
lichkeit für jede baukünstlerische Neugeburt be
trächtlich herabmindern. Aber nicht durch radikale
Abkehr von aller Tradition wird dieser psychischen
Hemmung jemals abzuhelfen sein. Dieser Versuch
wurde ja gemacht, doch er ist gescheitert. Über ihn
will ich ein andermal sprechen.