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Volltext: Monatszeitschrift XV (1912 / Heft 8 und 9)

Norden, dem kurischen Half, stammen 
jene kleinen, aus Bernstein gesägten und 
mit Bohrlöchem notdürftig gegliederten 
„Brettidole" her, die unsere erste Abbil- 
dung wiedergibt. Sie sind in ihrer silhou- 
ettenhaft rohen Unterscheidung typisch 
für die europäische neolithische Periode, 
wie denn auch formverwandte Puppen- 
gestalten zum Beispiel in dem vor- 
homerischen Hissarlik aufgetaucht sind. 
Und ebenso haben die Wilden Afrikas, 
Amerikas und Australiens, die Bewohner 
des östlichen Asiens und des malayischen 
Archipels allerlei Puppen von jeher ge- 
kannt, wovon uns ein Gang durch die 
Völkermuseen sofort überzeugt, wenn 
auch häufig Puppen von nur primitiver 
 
Abb. 2. Zwei aus Holz geschnitzte indianische 
Puppen. Muner mit Kind, von der Insel Van- _ _ 
couver am Stillen Ozean (Westliches Britisch- materieller Gestaltung, so doch immer mit 
Nmdammka) bewußter Absicht, Menschen im kleinen 
darzustellen. Die beiden nordamerikanischen Holz- 
liguren aus Vancouver (Abb. 2) geben das für den 
Genre der Puppe so bezeichnende Verhältnis einer 
Mutter zu ihrem Kind, wie sie es liebevoll stillt, wie 
sie es in der bei Naturvölkern typischen Weise auf 
dem Rücken trägt, in einer räumlich stilisierten Form 
wieder, die den plastischen Darstellungen der ganzen 
primitiven Kunst, besonders auch Ozeaniens, eignet: 
in einer strengen Frontalität, die nur eine einzige 
Betrachtungsseite, auf eine unverrückbare Median- 
ebene bezogen, kennt. Im Gegensatz zu diesen nord- 
amerikanischen Stücken von so starker Stilisierung 
erscheinen die tönernen Puppen und Spieliigürchen 
aus dem alten Inkareiche in Südamerika, die somit 
zeitlich noch vor das XVI. Jahrhundert fallen, von 
einer mehr naturalistischen Tendenz: das Totenfeld 
von Ancon in Perui barg als Grabbeigaben von Kinder- 
mumien neben primitiveren flachen Figürchen, die an 
Stelle der Arme die üblichen Henkelösen zeigen, bis 
auf das Leitseil getreue Nachbildungen des für Peru 
wichtigsten Haustieres, des Lamas, ferner einen 
Inka, der nach landesüblicher Weise eine Last in 
 
Abb. 3. Chinesische Puppe 
in der vornehmen Tracht 
einem zusammengeschlagenen Tuche trägt, dessen dkrCvMlineinßShßhenMan- 
darinen, Kopf europäisch 
" Vergleiche W. Reiß und A. Slübel, Das Totenfeld von Ancon in (Frankfurt am Main, Städti- 
Peru. Berlin, 1880 bis 1884. II. Band, Tafel 89 bis 9x. sches Völlrermuseum)
	        

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