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Full text: Monatszeitschrift XXIV (1921 / Heft 5 und 6)

Drittens Fembestellungen; ein Beispiel ist der Mühlhausener Altar, in Prag 
bestellt. Dann die regelmäßige Versendung bestimmter Vorwürfe oder be- 
stimmter Gattungen; Beispiel: Alabasterarbeiten der ersten Hälfte des 
XV. Jahrhunderts!" - Endlich das Skizzenbuch. Anregen kann jedes Kunst- 
werk, aber hier ist die Zeichnungssammlung gemeint, angelegt eigens zur 
Einprägung von Formen und Motiven, das können fremde sein oder auch 
eigene; Besitzerwechsel vergrößert den Wirkungskreis der Sammlung. 
Aus der Zeit um 1400 sind zwei deutsche Skizzensammlungen bekannt, 
die große in Braunschweig und die kleine mit den Köpfen in Wien." Solche 
Kopfzeichnungen muß der Meister der Wehingerliguren auch gehabt haben. 
Die Ähnlichkeit des Profils von Eins mit dem der Anna von Schweidnitz im 
Prager Domtriforium ist auch mit häufigem Sehen und einem ausgezeichneten 
Formgedächtnis nicht zu erklären. Oder hatte er mehr als eine Zeichnung, 
vielleicht so etwas wie ein Modell? Wir wissen noch nicht genau genug, was 
hier für möglich zu halten ist. Aber soviel. ist doch sicher, daß er einen 
Gedächtnisbehelf gehabt haben muß. Der Kopftypus war eine Zeit lang sehr 
verbreitet, er war vielleicht - wenigstens in manchen Gegenden - beliebter 
als irgend einiDraperiemotiv; aber das wurde erst später so, erst im frühen 
XV. Jahrhundert. Der Wehingermeister wird einer der ersten gewesen sein, 
der die Prager Anregungen für die Köpfe verwertete. Dieser produktive 
Mensch hat hier sehr viel angenommen, die Verwandtschaft seiner Figur 
mit der Reliefbüste bleibt bis in Einzelheiten erstaunlich; aber verwandt hat 
er das zu einem Ding von ganz anderer Seele. Die Anna von Schweidnitz 
hat die Lippen leicht geöffnet zu einem wachen Lächeln. Auf den Gesichtern 
der Wehingeriiguren liegt eine weiche Verträumtheit; und das vollendet 
sie als künstlerische Idee. . 
Es wird zu dieser Zeit das erstemal sein in der deutschen Plastik, daß 
Haltung und Gesicht so zusammenkommen zu einem Klang: voll und klar 
- aber verschwebend. Denn das ist Stimmung, nicht bloß bestimmte 
Art innerer Haltung. Das ist aber ein neuer Darstellensinhalt. Die Monu- 
mentalität, auch das tiefklingende Pathos auf den Gesichtern des XIII. jahr- 
hunderts, das ist die Sprache des seelischen Baues dieser Menschen; ebenso 
die Abmagerung des XIV. jahrhunderts, wo unter einer zerfressenden 
geistigen Angespanntheit das Fleisch von Gesicht und Körper dürr wird 
und manchmal die ganze Unwillkürlichkeit des Daseins in Stein versickert 
ist;"""" und ebenso ist es mit der allmählich wachsenden allgemeinen Vitalität 
in der zweiten jahrhunderthälfte. 
Die Figuren des Wehingermeisters sind Menschen, denen allerdings 
auch eine bestimmte Laune am meisten liegt. Aber sie tragen sie vor wie 
" Eine Zusammenstellung gibt Baum im Stuttgarter Katalog beim Alabasterstlick der Sammlung. 
"f Schlosser, Jahrbuch der Kunstsammlungen des ah. Kaiserhauses. Band XXIII. 
4'" Das größte Beispiel ist wohl das Denkmal des Bischofs Friedrich von Truhendingen im Bnmberger Dom. 
stit läßt ein Gesicht, das unter unerforschlicbenLeiden sich fust zur Formlosigkeit eingezogen 
gen, schmalen Körper wie eine große Traueriahne unter sich schweben. Es ist wohl 
e des späteren Mittelalters. (Abgebildet bei Bürger, Gnbdenkmäler im Majngebiet.) 
Mit einer dunklen Maje 
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eins der erschiitterndsten Werk
	        

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