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Volltext: Monatszeitschrift XXIII (1920 / 1, 2 und 3)

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Organismus verdeckt - und was zum Vorschein kommt, kann dann die 
Bedingungen seiner Bildung gar nicht von den zufälligen Grenzen der 
Sichtbarkeit, sondern nur aus dem Eigenleben empfangen. Daraus entspringt 
der eigentümliche Rhythmus der Omamentfüllungen, dessen Steigerung es 
nur ist, wenn selbst kleinere Flächen willkürlich in verschieden geschmückte 
Unterabteilungen in ganz ungleichem Verhältnisse geteilt werden. Daraus 
nicht nur die Nichtbeachtung der vertikalen Begrenzungen, sondern auch 
der horizontalen, die so weit gehen kann, daß am Rande Ornamentteile so 
überschnitten erscheinen, daß man ihre Gesamtform, die sich sonst an keiner 
anderen Stelle findet, in quälender Weise nicht erfährt (Abb. 4," von 
der Galerie des Schlüsselfelder-Hauses in Nürnberg vom Jahre 1498). Sehr 
rein zeigt das Verhältnis der Unabhängigkeit von Begrenzung und Flächen- 
füllung noch die Abbildung 5" (von der Galerie des Heller-Hauses am 
Kultelhof in Nürnberg vorn Jahre 1516). Dieses Beispiel ist besonders 
wichtig, da es lehrt, wie wenig die eindringenden Renaissanceformen 
zunächst imstande waren, wesentliche Tendenzen vollständig zu verdrängen, 
und wie sie nur dazu dienen rnußten, das Streben nach Kontrasten zu 
befriedigen. Da kann es nicht wundernehmen, daß nur anderthalb Jahr- 
zehnte später Bruder Kaspar hier noch sein wichtigstes Formgesetz sah. 
Eine Steigerung erfährt die Wirkung des Unregelmäßigen und des Zufälligen 
durch entsprechende Verteilung der Farben auf der Fläche, die in der 
Regel jeden Anschein von Abgewogenheit vermeidet und möglichst starke 
Kontraste hervorzubringen sucht, die die Schwierigkeiten der Lesbarkeit 
der Musterung noch erhöhen. Es ist die Scheu vor der Regelmäßigkeit, vor 
jeder Bindung der Phantasie, die sich auch in der Bildung der Einzelformen 
ausspricht: die durchgängig angewandte Form des Stufenumrisses ermög- 
lichte es, bei genügender Größe des über Eck gestellten Motivs die sich 
entsprechenden Gipfelpunkte ein wenig gegeneinander zu verschieben; 
gereihte Motive weichen gern voneinander ein wenig ab oder springen 
plötzlich aus ihrer Reihe heraus und dergleichen mehr. Im kleinteiligen 
Stufenumriß hatte Bruder Kaspar ja ein Mittel, das ihm solche Reize mühe- 
los zu finden erlaubte. Er diente ihm aber auch dazu, den Formen den 
erwünschten Grad von Spannung, wenn schon nicht von Bewegung, zu 
geben, so daß ihm sogar eine so ruhende Form wie das Rautenmuster zu 
etwas Aktivem, sich Bewegendem umzubilden ermöglicht wurde. Alle 
geraden Linien - sie bewegen sich in Wirklichkeit auch im Stufenschritt - 
sind schräg zur Fläche gezogen, alle Formen sind aufgerichtet oder über 
Eck gestellt, im ganzen Buche findet sich nichts Ruhendes, nichts Ent- 
spanntes. 
" Nach l-leidelotT, „Die Omarnentik des Mittelalters". Neue Ausgabe. Nürnberg, o. 1., Heft. n, Tafel 5 c. 
""" Ebenda, Heft r t, Tafel 2 b. -Es handelt sich durchaus um eine allgemeine Tendenz, die auf allen Kunst- 
gebieten ihren entsprechenden Ausdruck findet. Ich erwähne nur ein Beispiel, wenn ich auf das Kompositions- 
prinzip verweise, das selbst zur l-{aupthandlung gehörende Figuren so an den Rand schiebt, daß sie über- 
schnitten nur teilweise in Sicht kommen; siehe zum Beispiel in den Diirerschen Gebetbuchfolgen die Entsendung 
der jünger zu johannes und die Heilung des Blinden. (Graphische Gesellschaft, XI, Nr. x3, 31:.)
	        

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