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Volltext: Monatsschrift für Kunst und Gewerbe II (1887 / 4)

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Schluss wirklich voreilig, wenn ich auf den Titusbogen hinweise, wo 
wirklich ein Becher auf einem Tische unter der Beute von Jerusalem 
erscheint? Was auch für ein Becher auf dem hl. Tische im Tempel von 
Jerusalem stand, ob er ein Trankopfer (dann hieß er n'y-Jan, W85 die 
griechische Uebersetzung des A. T. richtig mit xoilvf wiedergibt), ob er 
das Mannagefäß - aber es gab ja kein Manna mehr - repräsentirte! 
wir wissen, dass gerade er auf den Münzen der Maccabäerfürsten, besser 
auf den silbernen als auf den kupfernen, abgebildet worden ist. Aufjeden 
Fall symbolisirt er die Befreiung aus fremdem Joche, denn er erinnert 
an den Auszug aus Egypten, an die Führung in das reiche Land 
Palästina. i 
Und daher dürfte namentlich für das Paschafest er für viele Juden, 
namentlich in Jerusalem, das Prototyp des Paschabechers geworden sein. 
Er entspricht auch wirklich allen Forderungen, die man an ein Trink- 
gefäß nur stellen kann. 
Die hebräischen Münzen der späteren beiden Revolutionen bringen 
nicht ganz dieselben Gedanken zur Geltung, da sie statt des Kelchesv 
vasenähnliche Gefäße enthalten; sie erinnern an das Fest der Wasser- 
weihe, den achten Tag des Laubhüttenfestes als Anspielung auf den freien 
Besitz ihres Landes. 
Freilich hatte die Kirche solche antiquarische Gedanken nicht, sondern 
sie nahm, wo sie das hl. Messopfer feierte, die Gefäßform, welche ihr der 
jeweilige Ort und die Zeit anbot. Kein Apostel, kein Kirchenlehrer, keine 
Synode dachte daran, über die Kelchform etwas vorzuschreiben. Wir 
finden daher gerade in der alten Kirche die mannigfachsten Formen des 
Kelches, welche bis herauf über die karolingischen Zeiten antiken 
Gefäßen entlehnt waren. Seroux d'Agincourt zeichnet, leider allzu winzig, 
einige solcher Kelche, davon ein Paar aus Glas mit Goldzier bestehen, 
einige schon einen Nodus (Knauf am Ständer zum Halten), einige eine 
tiefe cylindrische Cuppa (das eigentliche Trinkgefäß) mit fast trichter- 
förmigem Fuße zeigen - so sind auch die Formen, welche auf einem Bas- 
relief in Monza sich Enden, mannigfach: ein wirklicher Kelch (ohne Henkel) 
mit halbkreisförmiger Cuppa, Nodus und rohem Fuße; zwei Kelche mit 
Henkeln, deren einer aus Glas bestehen muss; ein niederes Gefäß auf 
trichterförmigem Fuße, das wie die Calices murrhini der Schatzkammer 
von S. Marco in Venedig, einen (Go1d-) Streifen längs dem Oberrande 
und breite Streifen vom Oberrande zum Fuße hat, also aus einem Halb- 
edelstein besteht. Aehnlich mit den Henkelgefäßen von Monza sieht ein 
Kelch aus, welchen Viollet le Duc, Mobilier Il, p. 48, abbildef). I 
') Die Notiz in der Revue de l'un 1885, dass ein seltener Kelch aus dem 6. Jahr- 
hunderte zu Samos(?) in Sudlirol im Jahre 1875 gefunden werden sei, verstehe ich 
nicht. Eltz weiß in seiner Kunstgeschichte Tirols nichts davon.
	        

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