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Volltext: Alte und Moderne Kunst II (1957 / Heft 7 und 8)

mit der Handarbeit neben der Chaiselongue, dem Lieblingsplatz 
der Hausfrau, wo sie am Abend unter der Petroleumlampe eine 
Slrickerei zur Hand nahm. Doch auch hier der Widerspruch. 
Diese für derart anspruchslose Zwecke dienenden Mobilien 
ahmen historische Stilformen nach, die aus ganz anderen Vor- 
aussetzungen entstanden waren. 
Besonders wird am Schreibtisch der Wunsch deutlich, sich mit 
einer persönlichen Sphäre zu umgeben, Beziehungen und Er- 
innerungcn stets anschaulich um sich zu haben. Darum ist hier 
von Gottes Gnaden und Repräsentanten der Ständeordnung, die 
es nicht mehr gab, sondern er war wesentlich Unternehmer. 
Es ist demnach die eigenartige Verbindung und Durchdringung 
von Feudalem einerseits und großbürgerlich Modernem ander- 
seits, die in der Einrichtung dieses Zimmers und deren Formen 
manifestiert werden. 
Wie ein Dokument aus unvergessener, großer Vergangenheit 
wirkt in diesem Milieu das herrliche Gemälde des Ganymed von 
Rubens. Auch der filigrane Luster und die weißgoldenen Boise- 
Snltclknmnwcx" im chrmsligen Sl11l]_5'h"udc dm Palais Schnnxrzcnhcrg. 
Aquurcll von Rudolf v. Alt, dm. 1941. 
 
der Ort für die Aufstellung von Familienbildern und An- 
denken. 
In unserem Falle aber ist der Schreibtisch vor allem das Arbeits- 
feld des vielbeschäftigten Hausherrn. Der Bewohner dieses Zim- 
mers, Fürst Johann Adolf Schwarzenberg (1799-1888) war eine 
der profiliertesten Persönlichkeiten der damaligen österreichi- 
schen Aristokratie. Nicht so sehr in der Übernahme von Staats- 
und Hofämtern sah er die ihm gestellte Aufgabe, als vielmehr 
darin, seine Besitzungen nach der Abschaffung der patrimonialen 
Ordnung möglichst unberührt durch die Erschütterungen des 
Jahres 1848 und seiner Folgen, den neuen Gegebenheiten des 
heraufkommenden industriellen Zeitalters anzupassen. Es ist 
bezeichnend, daß er sich die dafür notwendigen Kenntnisse ,in 
England geholt hatte, das damals in allen Fragen der Wirtschaft, 
Industrie und Technik maßgebend war. Die dort gemachten Er- 
fahrungen verwertete er bei seinen landwirtschaftlichen Refor- 
men und industriellen Neugründungen, wodurch der riesige 
Komplex der Schwzirzenbergischen Güter zu einem mustergül- 
tigen und nach modernen Grundsätzen geführten Wirtschafts- 
körper wurde. 
Wie weit war also der Mann, der hier an diesem Schreibtisch 
seinen weitverzweigten Geschäften nachging und auf dem Tisch. 
neben sich in Kassetten und Faszikeln die Unterlagen für seine 
Korrespondenzen und Planungen zur Hand hatte, von seinem 
feudalen Ahnherrn entfernt, der diesen Palast erbaut hatte! 
Fürst Johann Adolf verkörperte nicht in erster Linie den Fürsten 
rien gehören mit der Eleganz ihrer zarten Dekoration dieser 
versunkenen höfischen Epoche an. 
Eine derart eingehende kulturhistorische Deutung des Interieurs 
ist allerdings nur möglich, weil der Künstler so präzise Unter- 
lagen dafür geboten hat. Den Dingen und ihrem Verlauf bis ins 
Kleinste nachzugehen, sie zu erfassen und materialmäßig zu 
charakterisieren-diese Faszination ist der Anlaß-, und daß 
daraus kein bloßes, trockenes Registrieren wird, sondern ein 
Kunstwerk, das bleibt die große Leistung Rudolf von Alts. Man 
beachte, wie virtuos der Glanz der Damasttapeten festgehalten 
ist, und die Stoffarten der Möbelbezüge, Plüsch oder Samt, in 
ihrer differenten Struktur und Wirkung erkennbar sind. Man 
beachte weiters die verblüffende Meistcrung der Perspektive, die 
die Vermutung erweckt, der Künstler habe sie so beherrscht, 
daß die Lösung der in einem Interieur sich häufenden perspekti- 
vischen Probleme ihm ein leidenschaftliches Vergnügen berei- 
tet hätte. Schließlich gelingt es ihm durch die Lichtführung, durch 
die flirrenden, sommerlichen Schatten des teilweise abgedunkel- 
ten Raumes, der durch aufgefangene Liehlreflexe erhellt wird, 
die tiornehm-bchagliche Atmosphäre wiederzugeben. 
Wenige Jahre vorher, 1847, hatte Rudolf von Alt bereits das 
Aquarell eines anderen Interieurs, der Sattelkammer, auszu- 
führen gehabt, ein Blatt, das zu den Kostbarkeiten jener Periode 
gehört. Man hat den Eindruck, als entzünde sich an der Aufgabe 
die Genialität dieses Talents und steigere die Unbeirrbarkeit 
von Auge und Hand. jede Peitschenschnur, jeder Zügel, der 
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