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Volltext: Alte und Moderne Kunst VIII (1963 / Heft 66)

Anschauung des Betrachters, wie sich z. B. aus den 
Angaben eines französischen und eines englischen Z) 
Werkes ersehen läßt, die beide auf das gleiche 
Objekt Bezug nehmen. Es handelt sich um eine 
Messingkugel im Besitz des Britischen Museums in 
London, die in der Museumspublikation als syrischer 
Handwärmer verzeichnet ist. Clouzotl) bezeichnet 
die gleiche Kugel, in seiner Geschichte der Kunst- 
werke in Metall, als kugelförmiges Weihrauch- 
becken. Hier ist nun allerdings die Rede von einem 
Kunstwerk des islamischen Kunstkreises. Die Be- 
griife sind jedoch nicht ganz einfach zu trennen, 
denn über Venedig, der traditionellen Eingangs- 
pforte islamischer Kunst, sind diese Kugeln in den 
Haushalt der Italiener übergegangen und fanden 
vielfach Verwendung. Die italienische Bezeichnung 
hiefür lautet „profumegrW, welcher Ausdruck am 
ehesten mit Weihrauchkugel übersetzbar erscheint. 
Nach Ludwig4) sind diese Kugeln zur Duftver- 
breitung auf den Teppichen umhergerollt worden, 
eine Anschauung, die doch offenbleiben muß. 
Eine Reihe früher Handwärmer, deren Abbildungen 
hier beigebracht sind, besitzt das Muse de Cluny 
in Paris. Es handelt sich um französische 
Arbeiten. Das Material ist Kupfer. Sommerard5) 
fiigt im Katalog von 1883 bei einem der XVärmeäpfel 
hinzu, daß diese in der schlechten Jahreszeit eifrig 
gebraucht wurden. Speziell beim Aufenthalt in der 
Sakristei wie auch in der Kirche selbst. In den 
ungeheizten Kirchen waren die unbedeckten Hände 
am meisten der Kälte ausgesetzt. Um sich zwischen- 
durch zu wärmen, nahm man die Wärmeäpfel in 
die Hände. Man trug sie an einem Kettchen am 
Unterarm. 
Das Museum für Kulturgeschichte und Kunst- 
gewerbe in Graz besitzt ebenfalls so einen Wärme- 
apfel. Die Kugel und die Ringe sind aus Messing, 
der Olbehälter aus Kupfer. Ein ganz ähnliches 
Exemplar findet sich bei Bosc 6) abgebildet, der bei 
seiner Zeichnung das Flämmchen brennen läßt. 
Außer dem glühenden Metallstiick oder einer kleinen 
Flamme ist wohl vor allem Glut als Wlärmequelle 
benutzt worden. 
Die lateinische Bezeichnung für den Wärmeapfel 
lautet „pomum calefactorium", womit ausdrücklich 
ein kleiner Handwärmer umrissen ist. Der Ausdruck 
„Apfel" weist natürlich lediglich auf die Kugelform 
hin. Die lateinische Bezeichnung „calefactor" bezieht 
sich dann bereits auf größere Wärmequellen, z. B. 
Kohlenbecken in kleinen Xlfägelchen usw. lm 
übrigen mag es hier vielleicht angebracht sein, darauf 
hinzuweisen, daß es auch Kühlungsäpfel gegeben 
hat. Es sind dies Kugeln aus Bergkristall, die den 
vorderen Abschluß der Armlehnen eines Sessels 
bildeten. Bekanntlich gilt es auch heute noch als 
Faustregel, daß das beste Unterscheidungsmittel 
zwischen Glas und -Bergkristall darin besteht, daß 
sich Glas schnell erwärmt, wohingegen der Berg- 
kristall kalt bleibt. 
(iay 7), der den einen der Wärmeäpfel des Vatikans 
in einer Zeichnung abbildet, führt eine ganze 
Reihe von lnventarnotizen an, die sich mit ziem- 
licher Ausführlichkeit in die Details verschiedener 
Wärmeäpfel vertiefen. Es läßt sich hier unter anderem 
auch feststellen, daß es auch silberne Wärmeäpfel 
gegeben hat, was durchaus verständlich ist, da der 
Wärmekoeffizient von Silber außerordentlich hoch 
ist. Die einfachste Probe, 0b ein Objekt aus Silber 
oder nur versilbert ist, besteht bekanntlich darin, 
beide Objekte in heißes Wasser zu tauchen. Der 
echte Silbergegenstand ist augenblicklich ganz heiß, 
das versilberte Objekt nimmt erst langsam die 
Warme an. Vermutlich sind die allermeisten sil- 
bernen Wärmeäpfel den üblichen Gang anderer 
Silberschätze gegangen und eingeschmolzen worden, 
wodurch uns im wesentlichen nur die kupfernen 
und bronzenen Exemplare erhalten geblieben sind. 
Außer den oben angeführten alten lnventaren können 
wir jedoch auf eine sehr wesentliche erhaltene zeit- 
genössische Quelle verweisen. Es handelt sich um 
die Zeichnungen des Villard de Honnecourtäi). 
Nicht nur in der Zeichnung, sondern auch im Text 
wird genau auf das Problem des Wärmeapfels ein- 
gegangen. Die Kardanaufhängung wird sogar durch 
sechs Ringe gesichert, was wohl als iibervorsichtig 
anzusehen ist. Die erhaltenen Exemplare begnügen 
sich auch mit weniger Ringen. 
Etwas abweichend von den üblichen Ausführungen 
ist der Wärmeapfel im Domschatz von Halberstadt9). 
Die Kugel hat einen Durchmesser von 15 cm und 
wird in einem zeitgenössischen Lederfutteral auf- 
bewahrt. Das Material ist vergoldete Bronze und es 
sind pro Halbkugel vier Medaillons mit Bildern und 
Symbolen der Evangelisten als Schmuck eingraviert. 
Der wesentliche Unterschied zu anderen Exemplaren 
besteht jedoch darin, daß der Halberstädter Wärme- 
apfel keine Öffnungen an seiner Oberfläche aufweist. 
Es handelt sich also um zwei Halbschalen, die keine 
Durchbrechungen aufweisen. Er stammt aus dem 
13. Jahrhundert. 
Die Zahl der erhaltenen Handwärmer ist nicht sehr 
groß, doch linden sie sich in den verschiedensten 
Sammlungen, so unter anderen auch im Musee du 
Cinquantenairelß) in Brüssel (Kupfer, vergoldet) 
und im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen I1), 
das zwei versilberte Kupferexemplare aufbewahrt. 
Der eine Wärmeapfel stammt aus dem 14., der 
andere vom Ende des 15. Jahrhunderts. Zeitlich 
ist die obere Grenze der Wärmeäpfel wohl mit dem 
16. bis 17. Jahrhundert anzunehmen, denn dann wird 
die Fm-mIZ) der Wärmespender anders. Dies gilt 
nicht für Arbeiten des islamischen Kunstbereichs 
und Werke aus dem Fernen Osten, die noch an 
anderer Stelle gesondert behandelt werden sollen. 
ANMERKUNGEN: 
1) Feldhaus, nie Technik dcr Antike und des Minelaltels. Leipzig 1931; p. 291. Abb. au. (lnneuansichl). Abb. 315 (sennin durch einen Winne- 
apfcl. von Villzrd). 
1) n. nnren. Islamic Mculwurk in 1111- UriKiSh Museum. London 1949. Abb. 22. syrisrher Handwänncr, 1264779 n. 1).. Diametcr 11mm. Mes- 
sing. silbcrrauschicrl. 
.1) Manucls d'Histoire dc 1'Ar1. 11-1 Arn du Mew, par Hein-i Clouzot. Paris m4; 113.253. 
I) s. Ludwig, Vcnczianischer Hausral zur Zeit 11er Renaissance; Italienische Forschungen 1. Berlin 1906; p. 26a, Fig. 107 "Prnrnniegn", Museo 
Civico, Venedig. Islamische Arbeit ILIS Kairo, 
1) Mnne des Thcmws 1-1 1ie l'Hnlcl 111- Cluny, Catalogue a: E. du Sommvnrd. Paris 114113; p. 419. N0 511a (Abb. s vorliegenden Aufsatzes). 
n) E. Bosc. Dictionnairc 111- rAn. 1ie I2 (rnrinsi1e er du ibdot. Paris 18x31 n. m. Fig. 234 gcschlossmxcr Wänncnpfcl, Fig. 225 nirener Winne- 
apfcl. 
1) v. cny, Glosiaire arrhünkigiquc. 11.1111 111117. 1:11. 1. 348149 (auf Seite am abgebildet 1111 Zeichnung, Wärmeapfel des 1.1. Jahrhunderts, Vatikan. 
Axiüenansich! beider Halbkugeln). 
19111111 1x. Hxhniosltf, Villnrd 111- Hunncbouzl. Wien 1935; p. 45 (1111) 4x. Ami. Tafcl 17; Abb. 21a Ereinpiir 111-1 111-1111-1-111-11 Krünungsschatzcs 
i K. P6161. Rum. Abb. H7 Excmplar aus dem Schatz von St. Puter. Excnl; . Abb. 86 identisch mit Anm. 7, Exemplar Abb. B7 identisch 
niir Anm. 1 (Abb. 316). 
") O1 Doering. Dic Kirch von Hailnrstad Kdhljwicn 1927. Abb. 70 Wiinncnpfel (Donlsnnlmluizg N0 M) mit seiner Lcdcrkzpsel. 
1") H. Swaxzcnski. DIC a! sähen iihllninißnru Handsrhriflcn des l31Jlhfill1lldCflS In den Ländern an Rhein, Main und Donau. Bcrlin 1.926; p. 1'), 
Anm. 7 ein Wärmcupfcl m Urüssnl erwähnt. 
n) Siehe auch: Die Kunshicxlkmälcr der Schweiz, Bd. 26. Abb. l98li99. 
I1) Politikcns Haandbßgcr Nr. 90. Je); er szmlcr. Kobenhavn 1055; n. 112. Abb. e. lllusrricrre Gcszzhichrc des Kunstgcwerbßs. Bd. 11, n. 10. neriir. 
(o. 1.). 
 

	        

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