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Volltext: Alte und Moderne Kunst X (1965 / Heft 78)

n weiteres treftliches Exempel fur diese Technik ist Nr. Z8, .,Manipuli'ert werden". Dieses Werk besteht aus zwei Hauptelementen, einer gewohnlichen großen Schi 
id einer Kolonne van Miniaturgartenzwergen, die auf das Schaufelblatt aufgeklebt sind, säuberlich zu einer tadellosen Marschkolonne geordnet. Hier sind die ,.Ga 
verge", als Versinnbildlichung des Massenmenschentums, das schuftet und rackert -- sie alle tragen ja Werkzeuglein eben buchstäblich „auf die Schaufel 
immen", also als die Betrogenen, Genasfuhrten und Manipulierten hingestellt. Die Steigerung der Grundelemente ist eine wechselseitige: durch die Bezugsherstel 
zischen der großen Gartenschaufel und den kleinen Zwergen wird die Schaufel auf einmal gigantisch, während die Zwerge ins Ultrawinzige zusammenschrum 
er Behälter, der dieses Symbol umschließt. ist mit Zeitungsausschnitten ausgekleidet. in denen die Bilde und Wortwelt der Massenbewegungen unserer Gegenwa 
ir charakteristischen Überfälle und Geschwätzigkeit drastisch aufscheint; zur Grundaussage (Schaufel e Zwerge) tritt also die Exegese, die auch den Dummen 7 
irade ihnen verdeutlichen soll. worum es geht. 
im Elementargleichnis und zur Entlarvung der Politik als des bedrängendsten Symptoms der Zeitgebundenheit schlechthin tritt die Ausdeutung der menschli 
hwächen und Unzulänglichkeiten hinsichtlich des Erotischen, Sa wird in Nr.2, „Das Doppelwesen Weib erkennen". der Tag- und Nachtaspekt der Frau. 
)ppelrolle als Lady und Dirne, als .,belle dame sans merci" und Strichmensch herausgearbeitet. Hier handelt es sich um eine Quintessenz der „Lehren" all 
genannten „harten" Filme (bis hinauf zu Bergmans ,.Schweigen"), gleichzeitig entlarvt Stenvert die auf Eitelkeit und Erotizismus basierenden Spekulationen 
assenillustrierten. die uns von Deutschland her unrettbar überschwemmen. Daß der Beschauer hier selbst „enthüllen" darf, erhbht den Aktualitdtswert und t 
wissermafien auch die klägliche Relativität solcher „Enthullungen" vor Augent die „Enthullte" ist über und uber beklebt mit obszönen Darstellungen  
if gleicher Ebene liegen die Nummern 10, „Das Casino de Paris besuchen und sich leicht wie ein Schmetterling tuhtenl." und das köstliche _.Mit ihrtelefonieren ur 
die vergangene Nacht denken!" (Nr.15). Beide Arbeiten heben wir deshalb hervor, weil hier das Moment der Verfremdung durch Koniunktion nur eine ger 
ille spielt und der Gegenstand selbst zu seiner eigenen Exegese wird: bei Nr.1O handelt es sich um ein Spitzendomenhöschen in einer mit einschlägigen Bil 
klebten Kassette. bei NimlS um ein gewöhnliches altmodisches Telephon, dessen Kasten sich öffnen läßt, wobei auf der Innenseite des Deckels ein Nacktphoto 
weint, Noch krasser ist die Wirkung des unveränderten Obiektes bei Nr, 32, „Blut oder Tränen sehen wollenl". Wir stehen vor einem „Kit", also einem Geräte 
r aus einem Revolver, Patronen und einem Wechselrahmen besteht. in den man das Bild des zu Erschießenden schieben kann. Dieses Gerät wäre am bester 
ibreaktor" zu bezeichnen, sein Sinn besteht im Hinweis auf die Erfahrungstatsache, daß wir alle uns nicht mehr ausleben können und wollen, viel zuviel Unverai 
es in uns hineinfressen und daran langsam, aber sicher ersticken. 7 Diese Nr. 32 wird damit zu etwas, das im Kerne alle anderen Kreationen auch sein walten 
Jssen 7 zu einer praktischen Lebenshilfe, zu einem Hinweis auf Selbsterkenntnis und auf mögliche Auswege, n 
zben den Bereichen des Grundsätzlichen, des Politischen und des Erotischen haben wir nun den Bezirk der allgemeinen Daseinsprobleme betreten. 
erfahren wir bei Nr. 39 von einem illusianslosen Kind, woraus letztlich sein dreiiähriger Bruder besteht. nämlich aus einem Konglomerat verschiedener chemis 
zmente, die Stenvert in ihren tatsächlichen Mengen fein säuberlich in Flaschen und Phiolen zusammengestellt hat. Das illusionslose Kind selbst aber ist eine i 
derlichen Kinder-Kleiderpuppen, bei denen bereits den „One-Agern" blödsinnige erotische Wirkungsfaktoren unterschoben werden; die beiden SambaeKu 
itomic Bosam" veranschaulichen den Wunschtraum dieser tatsächlich existenten verderbten Kröten, die sich einen „Mr Atomic", den perfekten Materialisten, 
tten ersehen. Mr. Atomic scheint als RobotereSpielzeug zu Füften der MenscheneKrote auf. ist tatsächlich aufziehbar, HfUtlKllOFlSlUCllllgh und krabbelt um sein 
idiotischem Gekrieche herum. 
diesem Werk sehen wir mit besonderer Deutlichkeit zwei Grundelemente des Gesamtrepertoires: die Puppe und das Spielzeug. 
z Puppe ist wohl das vollendetste Sinnbild der Verfremdung des Menschen mit sich selbst, bedingt durch den totalen Fortfall echter Beseelung; die Olympia in „l 
nns Erzählungen" ist der Prototyp dieser automatenhaften Kreaturen, und die Koniunktion von Puppe und Spielzeug-Roboter in Nr. 39 bedeutet hier also r 
hr und nicht weniger als eine Aufspaltung des Menschenautomatenkomplexes. Das Spielzeug an sich aber wird zur mikrokosmischen Spiegelung des Tuns 
zibens dieser Welt. die 1a eine Welt der Erwachsenen ist. Pieter Bruegel d. A. hat in seinem Gemälde „Die Kinderspiele" mit verwandten Mitteln eine ganz ahnt 
ssage angestrebt. Dali aber heute gerade das hochmechanisierte Kinderspielzeug so gar nichts mehr mit Spielen zu tun hat. sondern ein Luslobiekt tierischen Erw 
en-Ernstes wurde, unterstreicht die anrüchige Lcictierlictikeit und Bösartigkeit der Welt. in der wir leben, um so mehr. 
n dieser wcii-ie aus gesehen mit Stenvert seine StlUClltOtt Nr. 35 .,lD einer engen Gasse vor (lef PlJltZSt fahren _ . _; oder: die zeitgenössische, CltE Sogenannte WtOdl 
rist im Eritwtcklurigssladturnt Experimente ohne hewiilttes Ziell," " gestaltet: Eine Postkutsche blockiertein SpielzcugePolizeiauto, das mit heulertder Sirene und lai. 
knatter seiner Räder vergeblich versucht, ihr vorzufahren. Stenvert empfindet die Postkutsche, dieses altmodische und schwerfällige Vehikel. als Symbol für 
ig unaktuellen Formalismus der „lsmen" von gestern in all ihrer gegenständlichen und ubertragenen Unbrauchbarkeit. Das Polizeiauto ist Sinnbild der von 
ipagierten „funktionellen Kunst", deren Aufgabe darin besteht, aus dem Leben zu schöpfen und fur das Leben gemacht zu sein.
	        

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