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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIII (1968 / Heft 97)

(1915) und ..Horizontal-Vertikal" (1917), (Abb. 2) 
zu .,Aufstieg und Ruhepunkt" (1919) Gültigkeit 
haben. Besonders anschaulich werden die Be- 
mühungen des Malers in seinen zahlreichen Farb- 
stiftskizzen. in denen die Bildgedanken der großen 
Ölbilder immer wieder durchgedacht und variiert 
werden. Auch die Farbstiftskizze "Horizontal- 
Vertikal" (1917) (Abb. 3) knüpft ebenso wie das 
gleichnamige Ölbild aus demselben Jahr an einen 
Versuch Delaunays an. .,Ein Schachbrettmuster 
kleiner Farbquodrate gibt ein Grundmuster und 
ordnet aus den kleinen Bausteinen wieder größere 
Rechtecksysteme". beschreibt Werner Haftmann 
das ..Fensterbild" (1910l11). Auch ltten kam früh- 
zeitig zu einer analogen Erkenntnis: ,.Um das 
Studium der Farbklünge vom Formaten zu be- 
freien. ließ ich schon 1917 die Schachbretteinteilung 
als gegebene Form verwenden" (J. ltten: ..Mein 
Vorkurs am Bauhous"). 
Werner Hofmann vermutet. doß die Bemühung 
Delaunays um das ..Licht als darstellende Selb- 
ständigkeit" von der Lichtrnystik des Neuplatoni- 
kers Plotin beeinflußt ist. auf dessen ..Enneaden" 
ihn vielleicht Apollinaire hingewiesen hat. Das 
lnteresse lttens für die Lehre der Neuplatoniker 
ist bekannt. 
Auch die ..neuerdings aktuellen Vergleiche zur 
Gesetzlichkeit der Musik" gewannen für den ltten 
der Wiener Jahre einschneidende Bedeutung. 
Selbst musikalisch interessiert und dem Begriff der 
..Farbfuge" (Kupka) keineswegs abgeneigt, fand 
er bei den Musikern seine ersten Freunde in Wien. 
Neben Alban Berg. dessen junge Frau. Helene 
Nahowski, ltten bewunderte. gewann vor allem 
der Maler-Komponist Arnold Schönberg. der 
damals zwischen zwei Einberufungen zum Militär 
einen längeren Urlaub in Wien verbrachte. ent- 
scheidenden Einfluß auf den jungen Maler. 
Durch Schönberg kam die Verbindung mit 
Alma Mahler. die seit 1915 mit Walter Gropius 
verheiratet war. in Wien aber mit der dieser 
Stadt eigenen Beharrlichkeit in Dingen der Kon- 
vention ..Frau Mahler" genannt wurde. zustande. 
Diese Verbindung wurde - soweit das zwischen 
dem vegetarisch lebenden Maler und der mondä- 
nen jungen Frau möglich war 7 fast eine Freund- 
schaft. Als Walter Gropius an den Aufbau des 
.,Bouhauses" in Weimar heranging und Lehrer 
suchte. empfahl ihm Alma den jungen ltten. Aus 
der Empfehlung wurde alsbald eine Berufung. 
Ein anderer Musiker. der durch ltten wesentliche 
Anregung erfuhr. war Joseph Matthias Hauer. 
Kristian Sotriffer stellt den Einfluß der Farbkreis- 
studiert lttens auf die 1966 in der Galerie nächst 
St. Stephan gezeigten graphischen Darstellungen 
des Komponisten fest. Die erste Ausstellung lttens 
in Wien. die 1919 über Vermittlung von Laos 
zustande kam. ist eine fast legendäre Sache. Außer 
ltten. der noch 1966 in Venedig zu Otto Mauer mit 
großer Lebhaftigkeit von dieser Ausstellung sprach. 
erinnert sich niemand mehr an sie. Im Katalog 
der ltten-Ausstellung auf der Biennale 1966 in 
Venedig ist von einer Galerie ..Bergung" (I) die 
Rede. Otto Mauer ist jedoch überzeugt. daß es 
sich um die .,Neue Galerie" Otto Nirensteins 
handelt, daß die Ausstellung gleichsam am gleichen 
Platz stattgefunden habe. der fast fünfzig Jahre 
später einer neuen Manifestation die Heimstätte 
bot. Otto Nirenstein selbst. wie schon erwähnt 
ein Schüler lttens. der manches über dessen 
Unterrichtsmethode zu berichten weiß, kann sich 
an die Ausstellung nicht erinnern (K. Sotriffer lm 
Katalog der Ausstellung). Ein publlzistisches Echo 
scheint es nicht gegeben zu haben. 
Die Ausstellung im Jahre 1919 war jedenfalls 
lttens Wiener Schwanengesang. Die Koffer für die 
Reise nach Weimar standen schon gepackt. Er 
war einer der ersten Meister, die in Weimar 
eintrafen, und Gropius, der seine hohen kunst- 
pädagogischen Fühigkeiten sofort erkannte. über- 
trug ihm den „Vorkurs", eine Art gestalterische 
Grundschulung, die jeder Lehrling zunächst durch- 
machen mußte. Bei dieser „Vorlehre" war Gertrud 
Grunow seine unentbehrliche Helferin. Ihre 
"Harmonlsierungslehre" bildete ein wesentliches 
Element der Bauhaus-Erziehung. 
"Hier wurden im wesentlichen Materialstudien 
und freie Gestaltungsarbeiten in verschiedenen 
Materialien betrieben", berichtet Lothar Schreyer, 
..der Lernende wurde angeleitet, von sich aus 
Elemente der Form- und Farblehre zu finden" 
(L. Schreyer: „Erinnerungen an Sturm und Bau- 
haus", München 1956). Im Vorkurs bereitete ltten 
den Boden für Kandinsky, der erst 1922 unmittelbar 
nach seiner Rückkehr aus Rußland ans Bauhaus 
kam. 
.,Die Vorlehre lttens beruhte im Sinne von Hoelzel 
und Kandinsky auf einer genauen Analyse der 
bildnerischen Elemente und auf einer neuartigen 
bildnerischen Analyse des Werkstoffes" (W. Haft- 
mann: „Malerei im 20. Jahrhundert"). 1923 ver- 
ließ ltten nach erbitterten Auseinandersetzungen 
mit Gropius, die einem Gegensatz entsprungen, 
der von Anfang an bestanden haben dürfte, aber 
erst durch die Berufung Moholy-Nagys und die 
Hinwendung des Bauhauses zu dessen konstruk- 
tivem Purismus in das Stadium unversöhnlicher 
Gegnerschaft trat, Weimar. Den Vorkurs übernahm 
Josef Albers, der erste Meister, der die Bauhaus- 
lehre als Lehrling und Geselle durchlaufen hatte. 
.,Er hielt an dem von ltten entwickelten Verfahren 
fest, ließ aber das Expressive als Gestaltungsziel 
völlig draußen und bestand auf einer rationalen, 
elementaren, im Funktionalismus der Architektur 
anwendbaren Malerialgestaltung" (W. Haftmann, 
a. a. 0.). 
Als Johannes ltten 1919 nach Weimar kam, war 
er nicht allein. Einige Schüler waren ihm gefolgt. 
Georg Muche, der im Spätherbst 1919 Formrneister 
in der Weberei geworden war, berichtet nicht 
ohne Humor über den Einbruch der Wiener in 
Weimar: „Mit dynamischem Charme hatte 
Johannes ltten seine Schüler in Wien so begeistert, 
daß sie ihm in großer Zahl nach Weimar gefolgt 
waren. Sie bildeten ein eigenes Zentrum. Von 
ihnen ging die organische Verwandlung des Bau- 
hauses aus. Sie durchsetzten es mit ihrer frei- 
waltenden Phantasie... lttens Schüler brachten 
die geeigneten Elemente bildnerischen Gestaltens 
aus Wien mit, aus dem Unterricht, den ihnen 
ltten dort gegeben hatte. Sie waren nicht das, was 
spüterhin ganz allgemein ,Bauhöusler' genannt 
wurde, denn sie ließen sich nicht zur Vereinfachung 
verleiten. Johannes ltten hat in den Farben ver- 
steckte Geheimnisse entdeckt und die Beziehungen 
erforscht, die sie untereinander haben. Er gab die 
Gesetze, die er entdeckte, seinen Schülern preis. 
So wurde er zum Schöpfer des pädagogischen 
Schachbrettmotivs, das zum Fundament der Lehre 
wurde, auf dem das bildnerische Bauhaus ent- 
stand" (Georg Muche: „BlickpunkW, München 
1961).
	        

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