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Volltext: Alte und Moderne Kunst XVI (1971 / Heft 116)

 
Wiener Secession, 
"Art Nouveau to 1970" in der Royal Academy, London 
Zu einem überwältigenden Erfolg für Wien ist die Ausstellung „Wiener 
Secession - Art Nouveau to 197D" in London geworden. Die bis 7. März d. J. 
zugängliche Schau war, wie aus begeisterten Kritiken der bedeutendsten Zei- 
tungen und Zeitschriften Westeuropas zu entnehmen ist, für die Londoner 
Kunstwelt von allerhöchstem Interesse. Zusammengestellt wurde sie von dem 
Präsidenten der Wiener Secession, Georg Eisler, dem Direktor des Öster- 
reichischen Museums für angewandte Kunst, Prof. Dr. Wilhelm Mrazek, und 
Dr. Robert Waissenberger vom Kulturamt der Stadt Wien. 
Wir zitieren im folgenden einige Pressestimmen: 
SUNDAY TIMES: „Niemals in der zweihundert Jahre alten Geschichte der 
Royal Academv hat eine Winterausstellung uns einen bestimmten Ort und eine 
bestimmte Zeit deutlicher nahegebracht . . ." 
26 
 
FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG: „...durch diese Ausstellung hat die 
staunende Öffentlichkeit erfahren, daß Wien der Welt nicht nur Freud, 
Wittgenstein und die Komponisten der Wiener Schule geschenkt hat, sondern 
auch in den bildenden Künsten neue Wege weisen konnte. Das Staunen, die 
Verzauberung, in die London sich über Nacht durch diese Ausstellung gestürzt 
sah, gilt den Anfängen der Secession, diesem Aufbruch aus dem akademischen 
Historismus der Gründerzeit in das Farbige und Flimmernde, ins Ornament. 
Man liegt in London im Jugendstilfieber - noch heftiger als in ienem Mai 1963, 
als das Victoria-und-Albert-Museum die mißachtete Großväterkunst durch eine 
Retrospektive auf Alfons Mucha in Mode brachte . .  (Hilde Spiel) 
NEUE ZÜRICHER ZEITUNG: „. .. noch nie hat es, zumindest in England, eine 
solche Möglichkeit gegeben, iene Bewegung zu verfolgen, die 1897 als Protest 
gegen die erstarrte offizielle Kunst gegründet wurde. Klimt (erster Präsident der 
Secession), Egon Schiele sowie der heutige Ehrenpräsident Oskar Kakoschko 
werden gebührend gewürdigt. Wer aber wußte von Alfred Kubin, Alfred 
Roller, den Architekten Otto Wagner und Josef Maria Olbrich, dem Erbauer 
des Gebäudes der ,Secessian', das von den spottlustigen Wienern ,goldenes 
KrauthappeV getauft worden ist? ln der Royal Academy ist das Modell zu 
bewundern . . ." (Abb. 25-27) 27 
SO 
 
Arnold Clementsahitsch - 
Auszug aus der Rede am Grab. 
Der Tod des vielbelächelten Außen- 
seiters reißt ein großes Loch in die 
Landschaft. Alles in allem war seine 
künstlerische Existenz eine alkoholi- 
sche Anekdote, sein Bild das eines 
Vagabunden, seine lnsistenz für die 
andern eine ständige Verlegenheit. 
Aber das muß zur Ehre seiner Lands- 
leute gesagt werden. ein eigentliches 
Ärgernis war er nicht. 
Ja, er war d e r Kärntner Kosmopolit 
und zugleich der bodenständigste 
van allen, ein Landschafter vor allem, 
der uns mit seinen Bildern nach dem 
Krieg die Wege ins Land geöffnet und 
die Ziele seiner Liebe gedeutet hat. 
ln seinem Lager war Kärnten, ein 
Land, das zwischen Villach und 
Klagenfurt alles enthielt, was zwischen 
Venetien und Galizien, lstrien und der 
lle de France zu erleben war. 
Clementschitsch hat den aus aller 
Welt heimgebrachten Samen zwischen 
Ossiacher See und Wärther See dem 
Acker anvertraut, von dem er sich 
täglich entfernte, um ihn durch die 
Spektralanalyse des Nachtlokals oder 
des Straßengrabens nur um so 
intensiver anzuschauen. 
Seine Existenz war die eines 
exemplarischen Einzelgängers, fleisch- 
und geistgewordene Opposition. Seine 
Triebe, lnstinke und Ideen waren 
abnorm, zum Dienst der Philosophie 
und der Kunst geeignet wie zum 
Betrieb politischer Aktion; doch an 
letztere hat er nie gedacht. Er war 
unpolitisch und asozial aus lnstinkt 
und Triebhaftigkeit und darin bestärkt 
durch romantische und heroische 
Affekte. Rassenlehre, Mythologie und 
Sexualanalyse verbanden sich in ihm 
zu einer Lebensphilosophie, die stark 
anarchistisch und nihilistisch gefärbt 
war, Analyse in Verbindung mit 
Aberglauben und Religion; das 
Soziologische hat er dagegen wenig 
in Betracht gezogen oder negiert. 
Die Kunstanschauung, die 
Clementschitsch in vielen theoretischen 
Entwürfen darstellen wollte, ist von 
denkerischer Selbständigkeit. Seine 
künstlerische Angelegenheit war das 
ohne Mitwirkung anderer Appelle 
erkennbare sichtbare Bild; und es war 
das „Schäne". Den Begriff der 
Synästhesie hat er polemisch gegen 
die abstrakte Kunst angewendet. Er 
hat für den Gesichtssinn die Mit- 
wirkung aller anderen automatisch 
gewährleistet gesehen, vor dem 
einfachen, sichtbaren Bild, das er 
allein dem Auge geschenkt wissen 
wollte. Seine künstlerische Eigen- 
sinnigkeit war antihistorisch. Wie er 
die Menschheit als konkreten 
einzelnen begriffen hat, so wollte er 
auch darauf bestehen, dciß 
künstlerische Qualität an sich ohne 
die Hilfe historischer und 
programmatischer Garantien am 
konkreten Einzelfall feststellbar sei. 
Womit er recht haben dürfte. 
Clementschitschs letzte Jahre: 
schwindende Arbeitskraft und Gesund- 
heit, unverminderte persönliche 
Sponnungs- und Zwiespaltsver- 
hältnisse, Jahre voll von Sorge um das 
Tägliche und das Ewige. Sein Wider- 
stand gegen die Zeit war blutig. Doch 
haben sich auch sein Humor und seine 
Selbstironie als dauerhaft erwiesen. 
Sa war in seiner Misere immer noch 
etwas Befreiendes und Beispielhaftes, 
auch für den Außenstehenden. Bis 
zuletzt suchte er sich zu wehrei 
ein Blitz seines Alters erscheint 
dieses Wort an eine gewisse Ji 
das aber kein alter Spießer für 
Anspruch nehmen dürfte: „EfWt 
Fernes ist mir euer Protest ge 
Schönheit in der Welt - ich kai 
noch deuten. Eure Laszivität wi 
Mord verklären am Hergebracl 
Aber gibt es etwas herzlich Scl 
in Europa als die Stanzen des 
Raffaello - ihr verdammten 
den - Mißversteher alles desse 
unlängst gewesen ist? - Betrü 
Knechte des Snob, öffentliche f 
kinder ohne Scham und Anstan 
Vernichter der Ehrbarkeit. Abei 
Notwendigkeit sei unbestritten. 
iedoch habe etwas Stärkeres zi 
vertreten - etwas Prafunderesf 
(Gehalten von Michael Guttenl 
Georg Pevetz t 
Prof. Dr. Georg Pevetz, okade 
Maler und Graphiker, ist am 
9. Mai 1971 nach langer, schwi 
Krankheit gestorben. Der vielf 
ausgezeichnete Künstler galt a 
Vollender der malerischen Grc 
des Wiener Expressionismus dt 
zwanziger Jahre. Eine ausführl 
Würdigung seines Lebenswerk: 
erfolgte durch Walter Maria N 
im Heft 96, 13. Jahrgang, unse 
Zeitschrift. 
BILDTEXTE 25-21 
25-27 Bilder (U! Ausstellung 
Secession" in der Royal Art}: 
Arts in London 
2a Wil Frenken, „Christianes Stuhl 
Handdruck 
29 Herbert Steiskal, Konfrontation 1 
so Herbert Steiskal, Spaltung 1970 
31 Herbert Stelskal var seinem i: 
IH der Galleria La Lonterna in 
Wil Frenken - 
"Christianes Stuhl", Hand: 
Die Edition der Werkstatt Breite 
befindet sich seit 23. März auf ( 
Wanderausstellung von Mini-V 
- als einziger österreichischer 
Beitrag - durch zirka 20 deutsct 
Städte. Anlaßlich der Eröffnung 
Ausstellung befindet sich Wil Fi 
in Frankfurt und wird die Ideen 
Intentionen der Werkstatt 
Breitenbrunn vertreten, (Abb. 25 
2B 

	        

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