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Volltext: Alte und Moderne Kunst XIX (1974 / Heft 134)

Um iene Reformen verwirklichen zu können, die 
Maria Theresia aus ihrem eigenen Wesen her- 
aus und unter dem Druck der Verhältnisse an- 
strebte, umgab sie sich mit zahlreichen Ratge- 
bern, die sie mit sicherem Instinkt und weiblicher 
Umsicht auswählte. Schon in den kritischen 
Dezembertagen des Jahres 1740 hatte die iunge, 
dreiundzwanzigiährige Regentin ihr Bedürfnis 
nach einem Seelenführer durch die Berufung 
des portugiesischen Grafen Tarouca entschieden. 
Dieser Mann gehörte seinem innersten Wesen 
noch ganz der kirchengläubigen Barockzeit an. 
Wie Maria Theresia selbst war er eine tief- 
religiöse Natur, erfüllt von Gottesfurcht, sittlicher 
Größe und streng katholischer Gesinnung. Das 
stärkste Band war wohl das gemeinsame Herr- 
scherbild, die Überzeugung, daß der christliche 
Monarch Gott verpflichtet ist, von ihm seine 
Macht erhält und ihm als König der Könige zu 
dienen habe. Wie alle ihre Vorfahren sah Maria 
Theresia in den „Grund-Säulen der Pietät", im 
Gebet, in der Verehrung der Glaubensgeheim- 
nisse des Altarsakramentes die Voraussetzungen 
für den Bestand und die Macht des Hauses 
Habsburg. Diese „pietas austriaca" bestimmte 
nicht nur das öffentliche und private Leben am 
Hofe, in Stadt und Land, sondern entfaltete 
einen besonderen Frömmigkeitsstil, der in der 
exemplarischen Teilnahme aller Mitglieder des 
Herrscherhauses an der öffentlichen Fronleich- 
namsprozession und den Wallfahrten zu den 
Marienheiligtümern Alt-Utting und Mariazell var 
und nach iedem größeren Ereignis seinen beson- 
deren Ausdruck fand. Solange Taroucas beraten- 
de Stimme Gewicht hatte, waren seine reli ' 
und ethisch gestimmten Ermahnungen immer ge- 
gen die „französische Verführung", gegen Frank- 
reich gerichtet gewesen. Schließlich aber be- 
siegte ihn die kühle Glätte des Staatskanzlers 
Kaunitz, der ab 1753 mit seiner den ganzen Erd- 
teil umspannenden Außenpolitik das Geschick 
Österreichs bestimmte. 
Mit dem Staatskanzler Wenzel Fürst Kaunitz war 
ein Mann zur Macht gekommen, der als öster- 
reichischer Botschafter in Paris von 1750 bis 1753 
Anhänger der „Aufklärung" geworden war. Sein 
außenpolitisches Programm, das die Wiederge- 
winnung der an Friedrich ll. verlorenen schlesi- 
schen Gebiete enthielt und daher die volle Zu- 
stimmung der Kaiserin fand, sah allein in einem 
Bündnis mit Frankreich die große Chance zur 
Niederringung Preußens. Entgegen Taroucas Vor- 
stellungen konnte er die Kaiserin zu einem 
Pakte mit Frankreich bewegen und damit die 
größte außenpolitische Revolution des 18. Jahr- 
hunderts, die Beendigung einer dreihundertiähri- 
gen bitteren Feindschaft zwischen Frankreich 
und Österreich, herbeiführen. 
Hatte Fürst Kaunitz durch seine politische Aktivi- 
tät dem Ballhausplatz, dem Amtssitz der „Haus-, 
Hof- und Staatskanzlei", zu einem dominieren- 
den Ansehen innerhalb der europäischen Staats- 
kanzleien verholfen, so war es der Schlesier 
Graf Haugwitz, der den Neubau des Staatsge- 
füges durchsetzte. Er begann mit einer umfang- 
reichen Verwaltungsreform, die die österreichi- 
schen und böhmischen Erbländer organisatorisch 
unter eine Zentralstelle zusammenfaßte und da- 
mit die Zentralisierung des Staates und die 
Machtstörkung der Monarchie bewirkte. Im Sinne 
des aufgeklärten Absolutismus wurde ein bü- 
rokratisches System entwickelt, das nicht nur die 
Stärkung der finanziellen Kräfte des Staates, 
die bessere Ausnützung der Einnahmequellen, 
der Steuern und Naturprodukte gewährleistete, 
sondern auch die Befreiung der Bauern von der 
Leibeigenschaft in den Jahren 1781 bis 1785 
vorbereitete. 
Unter dem Finanzminister Graf Chotek erfolgte 
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schon im Jahre 1748 eine Steuerreform, die den 
Steuerdruck, der bisher auf den Bauern lastete, 
in Form einer klassifizierenden Kopfsteuer auch 
auf den Adel, die Geistlichkeit und die Beamten 
ausdehnte. Durch diese „gottgefällige Gleich- 
heit" var der Steuer wurde nicht nur ein wesent- 
licher Angriffspunkt revolutionärer Empörung 
aus der Welt geschafft und Österreich die große 
Revolution erspart, sondern auch durch neue 
Steuern innerhalb der Jahre 1740 bis 1790 eine 
Verdreifachung der Abgaben erzielt. 
Auf diese Weise aber waren die Mittel gewon- 
nen, um die großzügige Reform und Reorgani- 
sation der militärischen Macht durchzuführen. 
Unter den Feldmarschällen Graf Daun, dem Sie- 
ger von Kolin, Freiherr Gideon Laudon, dem 
Sieger von Kunersdorf, und Graf Lacy wurde 
die kaiserliche Armee nicht nur zu einem schlag- 
kräftigen Machtinstrument umgebildet, sondern 
zum eigentlichen Träger des österreichischen 
Staatsgedankens innerhalb der völkerreichen 
Monarchie. 
Die geduldige, vorsichtige und maßvolle Reform- 
politik der Kaiserin Maria Theresia erfaßte auch 
die übrigen Gebiete des öffentlichen Lebens. 
Anstelle der seit 1532 gültigen „PeinIichen Hals- 
gerichtsordnung" trat ein neues Gesetzbuch, die 
„Nemesis Theresiana", das dem Naturrecht der 
Aufklärung Rechnung trug. In Verfolgung dieser 
Rechtsauffassung wurde im Jahre 1778 die Folter 
abgeschafft und 1786 das Strafgesetz von der 
Strafprozeßordnung getrennt. 
Es lag im Sinne der Entwicklung vom Macht- 
zum Wohlfahrtsstaat, daß Maria Theresia die 
Reform des Unterrichtswesens, das bis dahin 
völlig unter dem Einfluß der Jesuiten stand, als 
ein „Politikum", als eine staatspolitische Maß- 
nahme erster Ordnung betrachtete. Zur Über- 
wachung und Förderung der Reformen wurde 
eine Studienhofkommission eingesetzt und von 
dem Abt Johann Ignaz Felbiger eine allgemeine 
Schulordnung verfaßt. Diese sah für die „deut- 
schen NormaIschulen" eine Trivial- und Haupt- 
schulstufe vor, deren Besuch vom 6. bis zum 12. 
Lebensiahre dauerte, eine Maßnahme, die in kei- 
nem anderen Staate Europas durchgeführt 
wurde. 
Die Reform erstreckte sich auch auf die Univer- 
sität, die unter ihrem Protektor Johann Josef 
Graf Trautson, dem Wiener Erzbischof, ein 
neues und prachtvolles Gebäude erhielt, das von 
dem lothringischen Hausarchitekten Jean Nicolas 
Jadot erbaut wurde. Nicht ohne den Einfluß der 
Freimaurer, die seit 1742 in Wien Logen besaßen 
und nach der Auflösung des Jesuifenordens im 
Jahre 1773 dessen Rolle übernahmen, wurden 
die Fakultäten reformiert. In diesen Jahren legte 
die Medizinische Fakultät unter ihrem Präsiden- 
ten, dem Leibarzt der Kaiserin Gerhard van 
Swieten, den Grund zum Weltruf der Wiener 
medizinischen Schule. Die Zentralisierung aller 
Wohlfahrtseinrichtungen führte zum Bau eines 
„allgemeinen Krankenhauses", das im Jahre 1784 
eröffnet wurde und die größte Spitalstadt des 
Kontinentes war. 
Die Förderung der Naturwissenschaften und 
der Technik ließ sich besonders Kaiser Franz I. 
angelegen sein, zu dessen Liebhabereien das 
wissenschaftliche Dilettieren auf den Gebieten 
der Physik, Chemie, Mineralogie und Botanik 
gehörte. Sein Sammlungseifer schuf das um- 
fangreiche Hof-Naturalien-Kabinett, eine wis- 
senschaftliche Institution, unter deren Einfluß es 
zur Errichtung von Lehrkanzeln für Botanik, 
Chemie und Mineralogie an den Universitäten 
der österreichischen Erbländer kam. Den be- 
rühmtesten Vertreter der chemischen und botani- 
schen Disziplin und Verfasser einer mehrbändi- 
gen „Flora Austriaca", Nicolas de Jacquin, 
7 Johann Christian Brand, Laxenburg vom Lust- 
haus auf der Hanawiese gegen Mödling, 1758. 
Wien, Österreichische Galerie, Barockmuseum
	        

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