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Volltext: Alte und Moderne Kunst XXX (1985 / Heft 200)

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Die Plastiken von Hellmut Bruch sind keine reduzierten Darstel- 
lungen von etwas Gegenstandlichem. sie verweisen nicht auf 
etwas außerhalb ihrer selbst, sie sind nichts Mimetisches Auf 
etwas verweisen wurde bedeuten. daß das r-Eigentlicheir woan- 
ders ist. Das Objekt, das auf etwas verweist, ist in gewissem 
Sinne nicht real; es hat nur die Funktion der Vermittlung. Die 
Frage in der Kunst, was soll das bedeuten, zielt auf ein solches 
Verhältnis vom Bild als Zeichen und etwas. das bezeichnet und 
vermittelt wird. Ahnlich ist es mit dem Begriff nReduktioriii. Ver- 
steht man unter i-Fteduktionii die verkürzte Wiedergabe eines 
Gegenstandes, eine Stilisierung. ein Schema, eine Formel, 
dann bezieht sich die Darstellung auf den Gegenstand und 
erhaltvondo ihrenSinn.DerästhetischeReizoderdiekünstle- 
rische Ouali t liegt dann in der Differenz mischen Bild und 
intentiertem Gegenstand Auch der Begriff irAbstraktion-i führt 
manchmal zu Mißverständnissen Abstrakt ist nicht unbedingt 
gleichzusetzen mit ungegenstandlich. ln der Wortbedeutung 
ist, wie bei der nReduktion-i. noch immer ein Objekt vorausge- 
setzt, von dem das Dargestellte riabgezogenw ist. Abstrakt ohne 
diese Beziehungishwie Mondrian sagtekonkret. Unterkonkret 
aber ist das unmittelbar Gegebene. Unabgeleitete. zu verste- 
hen. Es ware also falsch. in den Arbeiten Hellmut Bruchs Hin- 
weise auf Gegenstände zu suchen. auf die sie sich beziehen 
DerBetrachtendersoetwas erwartet.wirdvonden hierausge- 
stellten Plastiken enttäuscht sein. 
Am Beginn seiner künstlerischen Tätigkeit bildete Bruch aus 
vorgefundenen Maschinenteilen Strukturen, in denen man die 
ursprüngliche Verwendung der einzelnen Teile noch erkennen 
oder vermuten konnte. die aber nur verfremdet in einem ande- 
ren Zusammenhang standen Metall, vorallem Eisen und Stahl. 
war seit je das bevorzugte Material Bruchs. Der Bearbeitung 
setzt der Stahl dem Künstler einen ebenso harten Widerstand 
entgegen wie der Stein. Beim Stein entsteht das Werk durch 
Wegnehmen, bei Eisen undStahlauchdurch Hinzufügen. Damit 
ist in der Metallplastik das Problem der Verbindung der Einzel- 
teile gegeben. Sowohl beim Stein als auch beim Metall sind die 
technischen Möglichkeiten und Grenzen nicht ohne Einlluß auf 
die künstlerische Form. Man könnte sagen, das Material als 
etwas Objektives behauptet sich und antwortet auf die Fragen 
des Künstlers. 
Eine große zweiteilige Plastik entstand aus 8 mm starken Stahl- 
pfatten. Zwei kongruente Dreiecke. diezusammen ein Quadrat 
ergeben. wurden nach zwei verschiedenen Radien rundge- 
walzt. Die Teile stehen zueinander in keinerbestimmten Anord- 
nung. Man könnte sie auch anders aufstellen. Die Kräfte, die 
notwendig waren. das schwere Metall in diese Form zu bringen, 
sind noch erkennbar. Schwieriger ist es. die Kongruenz der 
Dreiecke zu sehen. Sie öffnen sich in den Fiaum und deuten 
einen Ubergang an. Der schweren Masse des Metalls, ihrer 
Unbeweglichkeil. sieht die Labilität, ja die Willkür ihrer räumli- 
chen Anordnung gegenüber. Alle diese Momente und ihre 
Beziehungen zueinander bilden die plastische Gestalt. Form 
und Inhalt sind identisch. Auf die Frage nach dem Besonderen 
zeigt sich, daß es hier um elementare Phänomene geht, die 
Wirklichkeit überhaupt erst ermöglichen, um Materialität. Rela- 
tion. Kausalität. um Maßverhältnisse u.s.w. ln seinen neueren 
Arbeiten setzt Hellmut Bruch Farbe in Kontrast zum Metall, ein 
Konzept. das in der Plastik nicht oft anzutreffen ist. Hochpolier- 
ter Stahl steht im Gegensatz zur Farbe. Das Licht wird vom 
Metall anders reflektiert als von den farbigen, gekurvten Flä- 
chen. Farbe hat etwas Ungreilbares. Die Diskussionen um ihre 
Entstehung und Realität sind kein Zufall. Aber auch das spie- 
gelnde Metall deutet auf immaterielles und Schwerelosigkeit. 
Stattplastischer Räumlichkeit ist hierZweidimensionales, Kon- 
struktivität, Farbigkeit. Licht. Die Farbe erscheint als Form 
nicht als amorphe Zustandlichkeit. Auf den meist quadra 
schen, blanken Slahltafeln sind Linien und Kurven eingeschlif- 
fen. Den Kurven entsprichtein bestimmter Radius und ein Kreis, 
dessen Mittelpunkt oft außerhalb der Plastik liegt. Die Geome- 
trie spielt im gesamten Werk von Bruch eine wichtige Rolle. 
Viele seiner Plastiken sind Verbindungen von Kreis, Quadrat 
und Dreieck. Diese beziehen sich aufeinanderund bilden einen 
größeren Zusammenhang. der aber erst aus den formalen Vor- 
aussetzungen zu verstehen ist. 
Die quadratische Stahlplatte am Boden setzt sich aus vier Drei- 
ecken zusammen. die Teile eines Quadrates sind. Sie bilden 
eine Ganzheit, doch sind sie austauschbar. Für den Betrachter 
sichtbar istderGegensatzvonGanzheitundTeil.dievariabilitat 
derTeileunddesGanzen,dieverschwindendeHöhederPlastik, 
die sich aus der Teilung ergebenden Diagonalen, der Unter- 
schiedzwischenQuadratundDreieck.undwieausderAdditicin 
einer Form eine ihr völlig konträre hervorgeht. 
Auf eine Arbeit Bruchs von großer Subtilität sollte noch hinge- 
wiesen werden" Der an den zwei Enden mit einer Schnur bete- 
stigte Rundstab aus Stahl ist eine Kurve der Gravitation, eine 
Plastik unsichtbarer Kräfte. nichts Okkultes, sondern eine 
umfassendephysikalische FlealitätWashieraufdasObjektein- 
wirktundeineGeradeineine Kurveverwandelt.durchdringtden 
Kosmos. 
Ein Grundzug des kunstlerischen Konzepts von Hellmut Bruch 
ist die offene Form. Das Kompakte, in sich Geschlossene, 
Lastende wird man in seinen Arbeiten kaum finden. Die Linien 
und Kurven sind Ausschnitte eines offenen, umfassenden Bau- 
mes Zugleichbeziehen siesichaufdieZeit.Sichtbaiwirdinden 
Werken von Hellmut Bruch das Unbegrenzte und Transrtori- 
sche im Konstruktiven. Heinz Gappmayr 
 
 
1 Offene Struktur. 1969. Federstahl. Dm 16 cm. 7.8 crn 
2 Ohne Titel. 1976. Stahl. geschweißt, 15 X 10 X 3 cm 
3 Offener Kreis, 1983. Stahl, gewalzt. ca. Dm 75 x10 cm 
4 Plastik aus zwei rundgewalzten kongruenten Dreiecken, 
1984. Stahl, 8 mm stark 
5 Quadratische Tafel, blankpolierter Stahl. bemalt. 1984 
6 Offener Kreis, 1983. Stahl. Dm 183 cm. 57 X 10 CfTl 
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