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Die archaische Strenge und Schwere, die von der Maurya-Kunsl 
bis zur Kushana-Plastik von Mathura forfdauerte, der ikonogra- 
phische und formale und sogar fremdartige Reichtum, den die 
Künstler der Landschaff Gandhara auf indischem Boden heimisch 
gemacht hoffen, und schliefjlich die Selbstbewuljtheit und Selbsf- 
genügsamkeit künstlerischer Übung und Spielfreude an der schö 
nen Form vereinigten sich im Zeitalter der Cupfas zur klassischen 
reifen indischen Kunst. Auch in Dichtung, Philosophie, Musik und 
Tanz stellte die künstlerisch interessierte Dynastie, die vom 4. bis 
6. Jahrhundert und nach wechselvollen Schicksalen wie den 
Fremdvölkereintöllen noch bis zum 8. Jahrhundert regierte, der 
sogenannten Nach-Gupta-Zeit, den Höhepunkt im politischen und 
kulturellen Geschick Indiens und eines grotjen Teils von Südost 
asien dar. Gesicherte staatliche Verhältnisse ermöglichten die 
Förderung von Wissenschaft und Kunst, und am Hofe oder in Ver 
bindung mit führenden Meistern aus höfischen Kreisen wurden 
die Formen der Bau- und Bildkunst geschaffen. Zum letzten Male 
haben auf dem Boden des heutigen Indien alle drei Religions 
gemeinschaften gleichen Anteil an der allgemeinen Kulturhöhe 
und Toleranz. Während die Buddhisten in Höhlenheiligtümern 
und an Stupen überlieferte Kunstmittel pflegten, bilden Hindus 
und Jainas im Freibau in zunächst kleinem zellenartigem Format 
einen neuen Bautypus aus, der in der Folgezeit das Bild der in 
dischen Landschaft bestimmen sollte. Im dunklen Innern des Tem 
pels befinde! sich in einem höhlenarfigen Raum das steinerne 
oder bronzene Kultbild, das der Beter bei seiner Verehrung durch 
eine Blumen- oder Reisspende nur im Dämmerlicht und in 
der Vorderansicht betrachtet. Im grellen Lichl der Tropensonne 
werden an der Aufjenwand der Tempel Wesen und Handlungen 
der Gottheit in Stein- oder Terrakottareliefs anschaulich darge 
stellt. Proben beider Biidgattungen können wir ausstellen. Neben 
her läuft weiter volkslümliches Kunsthandwerk in Tontigürchen 
kleinsten Formats. Allen Beispielen gemeinsam ist eine gewisse 
innere Gröfje der Auffassung. Die indischen Künstler haben die 
Natur des Menschen und die physiologischen Besonderheiten sei 
ner Gestalt studiert und stellen ihre Kenntnisse in den Dienst 
einer idealen Erfassung des Götterbildes. Nach uralten Geboten 
und Verboten vermeiden sie eine „realistische’ Wiedergabe von 
anatomischen Einzelheiten, und doch sind Gliedmafjen und Kör 
perteile von nalurhaflen Vorbildern aus dem Pflanzen- und Tier 
reich abgezogen und in einer neuen künstlerischen Einheit mil 
einander zu etwas Ganzem verschmolzen. Nie zuvor und niemals 
nachher ist eine solche Harmonie von Gegenstand und Form, 
7 Die Gupta-Zeit 
THE GUPTA PERIOD: The archaic severify and massiveness of 
the art of the Maurya and Kushana periods, the wealth in icono- 
graphy and form displayed by the Gandharan artists, and lastly, 
the delight in life and beauty during the golden age of fhe 
Gupta dynasty combined fo form an Indian ’classical art”. Na 
tional genius was expressed in all the arts, in literature, music, 
philosophy and dancing. Art in ancienf India reached ifs zenith 
during the Gupta period. For the last time, on Ihe soil of India 
as she is today, the three great religious communities bore an 
equal share in bringing about the high Standard of culture and 
tolerance. The Buddhists continued to use their cult caves while 
the Hindus and Jains conceived a new type of stone built temple 
which was to become the dominafing form of building in the 
following centuries. In fhe cenfre of the dark inferior of the temple 
stood the cult Image of the deity. On the outside walls in 
the bright sunlight, fhe worshippers could see the temple god in 
stone or terracotta relief. The ancient Orders and regulafions for- 
bade ”realism" in the reproduction of anatomical detail; all fhe 
Same, flowers and animals were the artist's models and were 
combined in a new artistic unity. Never before and never after- 
wards was such harmony of objecf and form, mind and matter 
attained. We shall see some excellenf examples from local mu- 
seums such as Sarnath, Gwalior (Cat. 180) and Mathura as well 
as from Ihe valuable colleclions of the National Museum in New 
Delhi (Cat. 153) and the Indian Museum in Calcutta. 
Bibliographische Notizen: V. A. Smith, Indian sculpturo ol the 
Gupta period. OSTASIATISCHE ZEITSCHRIFT 3, 1914/15. — 
S. Kramrisch, Die Figuralplastik der Gupta-Zeit. WIENER BEI 
TRÄGE ZUR KUNST UND KULTURGESCHICHTE ASIENS 5, 1929/30. 
— S. K. Sarasvati, Temple architecture in fhe Gupta age. JOUR 
NAL OF THE INDIAN SOCIETY OF ORIENTAL ART 8, 1940. — 
A. Banerji, Gupta sculpture from Benares. A study. In: B. C. Law, 
Vol. I, Calcutta 1945. — V. S. Agrawala, Gupta art. Lucknow 
1948. — M. S. Vats, The Gupta temple al Deogarh, 1952. Me- 
moirs of the Archaeological Survey of India 70. Calcutta und 
New Delhi.
	        

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