MAK
322 
Gideon Gechtman, Shaved Nude (Rasierter Akt), 1974. Sammlung des Künstlers 
-findet. Denn der Künstler begriff seine Arbeit zu keiner Zeit 
als irgendeiner der Kategorien zugehörig, die im nachhinein 
der breiten Schnittstelle experimenteller Praktiken Ende der 
Sechziger (Conceptual art/lnstallation/Body art/Ecological art, 
etc.) zugeschrieben wurden, aus der Thompsons Kunst her 
vorging. Live-In Hive war keine öffentliche Performance, keine 
Körperkunst, sondern Teil der Forschungsarbeit eines Künst 
lers und seiner Beziehung zu Honigbienen. Thompson ist 
schlicht Bienenzüchter, kümmert sich das ganze Jahr über um 
seine Tiere, erntet Honig und Waben und versieht die 
Honiggläser, die er verkauft oder an seine Freunde ver 
schenkt, liebevoll mit Etiketten. Um Thompsons Erlebnis 
besser zu verstehen, muß man sich Live-In Hive als Teil einer 
gelebten Umgebung vorstellen, mit all den sinnlichen 
Eindrücken, die den Raum erfüllten: das Summen der Bienen, 
die goldgelbe glasige Farbe des Honigs, der Pollen, der 
Waben und der Bienen selbst, der angenehme Geruch des 
alten Lagerhauses mit seinem weichen, gefilterten Licht, die 
ständige Bewegung der emsigen Arbeiterinnen, die durch die 
Maschendrahtröhren ein- und ausfliegen, die Wärme, die sie 
abzugeben scheinen. Es war ein Ort des Trostes, der Stille 
und der Geborgenheit, an dem man sich nicht nur mit der 
Natur, sondern auch mit der Industrie vor der Tür in Einklang 
fühlte. Denn 1976, als Thompson seine ersten Versuche mit 
Live-In Hive anstellte, lebte und arbeitete er in seinem Atelier 
im "Howard Terminal- - einem Verladegelände auf den 
Oakland Docks. Stellt man sich vor, wie der Künstler Tag für 
Tag in vollkommener Symbiose mit seinen Bienen an einem 
solchen Ort lebte, wird man die vitale Beziehung zwischen 
Thompsons Leben und der Spezies, die er studiert, besser 
begreifen. 
Zwischen dem Realen und Anderswo 
Gideon Gechtman mußte sich im April 1973 einer Herz 
operation unterziehen, bei der ihm eine neue Herzklappe 
eingesetzt wurde. Nach seiner Genesung stellte der in 
Alexandria geborene israelische Künstler eine Dokumentation 
seiner Operation zusammen, die er 1974 ausstellte. Während 
der Ausstellung ließ sich der Künstler in der Galerie den Körper 
rasieren und verstärkte dazu das Geräusch seines klopfenden 
Herzens mit der künstlichen Herzklappe. Außerdem waren 
Photos von Gechtman vor und nach der Rasur zu sehen, eine 
Reihe von Schachteln mit u.a. abrasiertem Haupt-Achsel- und 
Schamhaar des Künstlers, Gefäße mit Medikamenten, die er 
vor und nach der Operation eingenommen hatte, Gläser mit 
Urin, unter denen Tabellen angebracht waren, die über Menge 
und Art der Nahrungsmittel, die er an einem Tag zu sich 
genommen hatte, Auskunft gaben, Röntgenbilder seines 
Brustkorbs, Photos von seiner Brustnarbe und den behan 
delnden Ärzten sowie andere Relikte im Zusammenhang mit 
der Operation. 1979 führte Gechtman Shaving Hair auf, eine 
Performance, bei der er sich vor Publikum den Kopf rasierte 
und aus seinen Haaren eine Bürste fertigte.^“ Vorher hatte er 
bereits Bürsten aus den Haaren seiner Frau und seines 
Sohnes hergestellt: ein direkter und ergreifender Verweis auf 
den Holocaust, der Gechtmans Arbeit, Familiengeschichte 
und Erinnerungen durchdringt. 
Bereits im November 1971, noch vor seiner Operation, hatte 
Gechtman die Idee zu einer Reihe »konzeptueller« Arbeiten. In 
Mausoleum for Ten Anonymous People wollte er zehn ano 
nyme Personen bestimmen und jede von ihnen so beschrei 
ben, als sei sie ein »berühmter militärischer Führer oder 
Herrscher, bis in die kleinsten Details - einschließlich von 
Objekten aus ihrem Leben -, und sie dann in den Rahmen der 
alten Tradition des Unsterblichmachens stellen«. Im Januar 
1972 stellte sich Gechtman dann selbst als »lebendes Porträt« 
aus. Mit geschorenem Kopf saß er vor einer Reihe lebens 
großer Gummiabgüsse seines Kopfes, die nach einem Modell 
208 ln meinem Aufsatz »Shaved Heads and Marked Bodies« (Anm. 
184) befasse ich mich ausführlich mit dem Rasieren des Kopfes 
als Bild für Unterordnung, Erniedrigung und Trauma. Siehe auch 
die biblischen Traditionen in Jesaja 3, 16-26, oder Fünftes Buch 
Mose 21,10-14.
	        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzerin, sehr geehrter Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.